Der Protestantismus in England im 20. Jahrhundert

Im Verlauf des Jahrhunderts wird die Leitung der Kirche Englands vom Staat unabhängiger und demokratischer, während die Laien darin eine immer wichtigere Rolle spielen. Die anglikanische Kirche engagiert sich sehr aktiv in der ökumenischen Bewegung.

Die Revision des Prayer Book

Die Spannungen, die durch die Einführung anglo-katholischer Praktiken in einigen Gemeinden entstanden waren, regen zur einer Revision des Prayer Book an. Eine Kommission arbeitet 20 Jahre lang daran. Das Projekt wird von der Versammlung der Kirchen ratifiziert, aber zwei Mal (1927 und 1928) vom Unterhaus abgelehnt. Die Bischöfe beschließen, die neue Version dennoch zu erlauben, zusammen mit dem alten Prayer Book, und setzen sich damit über die Entscheidung des Parlaments hinweg. Im Jahre 2000 wird ein neues Gebetsbuch veröffentlicht: Common Worship, das sehr pluralistisch ist. Es erlaubt viele unterschiedliche Rituale innerhalb der anglikanischen Kirche. Die sich ausbreitende charismatische Bewegung erhöht noch die Vielfalt liturgischer Feiern.

Die Ökumene

  • Weltkongreß der Kirchen in Stockholm, 1925 © La Voix Protestante

Die ökumenische Bewegung beginnt 1910 in Edinburgh anlässlich einer interkonfessionellen Missionskonferenz, die von einem Methodisten und einem Anglikaner organisiert wurde, um die missionarische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Konfessionen zu fördern. Danach spielen die Anglikaner eine wichtige Rolle im Verband „Glaube und Verfassung“, der eine doktrinale Annäherung der Kirchen sucht. Seit der Schaffung des Ökumenischen Rates der Kirchen (COE) 1948 sind die Anglikaner fortlaufend eine treibende Kraft in der ökumenischen Bewegung.

Auf Landesebene findet von 1921 bis 1925 ein Versuch der Vereinigung der Kirche Englands und der katholischen Kirche statt bei den Falkland-Gesprächen, aber Rom beendet diese Verhandlungen. Die Gespräche werden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder aufgenommen.

Ein anderer Versuch einer Vereinigung, diesmal mit den Methodisten, scheitert knapp an der negativen Abstimmung des Klerus der Kirche Englands.

Im Jahre 1942 entsteht der „British Council of Churches“, der die anglikanische Kirche und die anderen protestantischen Kirchen Großbritanniens zusammenfasst. Er wird 1990 zu „Churches Together in Britain and Ireland“, dem auch die katholische Kirche angehört.

Eine modernisierte Kirche

  • Weibliche Bischöfe auf der Konferenz von Lambeth (1998) © J. Solheim - episcopalchurch.org

Was die Lehre betrifft, so greifen die liberalen Thesen im Klerus immer mehr um sich, sogar bei den anglo-katholischen Geistlichen. Eine große Toleranz in der Lehre ist heute in der anglikanischen Kirche an der Tagesordnung.

Im Jahre 1974 verabschiedet das Parlament das Gesetz „Worship and Doctrine Measure“ und verleiht damit der Kirche ihre Unabhängigkeit, was Lehre und Liturgie betrifft. Die Kirche gewinnt ihre Autonomie und befreit sich von der politischen Macht. Die Wahl der Bischöfe und die wichtigen Entscheidungen für das kirchliche Leben  bedürfen immer noch der Bewilligung durch das Parlament und der königlichen Genehmigung, aber es handelt sich dabei um Formalitäten.

Die Kirche engagiert sich immer mehr im sozialen und politischen Bereich. Der Erzbischof von Canterbury, William Temple (1881-1944), spielt eine entscheidende Rolle im Zweiten Weltkrieg. Und der Erzbischof Robert Runcie (1921-2000) stellt sich 1982 gegen Margaret Thatcher während des Falklandkrieges und kritisiert heftig, dass sie keine glaubhafte Sozialplitik betreibt. Die Kirche spielt immer mehr die Rolle des „Gewissens der Nation“, eine neue Art, ihre Rolle als etablierte Kirche zu begreifen.

Obwohl die Ordinierung der Frauen zum Priestertum lange diskutiert und vorbereitet worden war, führt sie 1994 720 anglikanische Priester dazu, die Kirche zu verlassen. Einige wenden sich der katholischen Kirche zu, andere kehren später in den Schoß der anglikanischen Kirche zurück.

Die Säkularisierung trifft die Kirche Englands heftig – im Laufe des 20. Jahrhunderts verliert sie über die Hälfte ihrer Gläubigen. Außerdem bleibt ihre Einheit unsicher wegen der Kohabitation von sehr unterschiedlichen Tendenzen (anglo-katholisch, evangelikal, liberal, konservativ).

Einige Zahlen

In Großbritannien sind über 25 Millionen Anglikaner gemeldet. Aber die Mitglieder belaufen sich auf 2,5 Millionen Protestanten, davon 300.000 Methodisten, 150.000 Reformierte und 140.000 Baptisten.
Die anglikanische Gemeinschaft fasst mit der Kirche von England alle anderen Kirchen der anglikanischen Familie in der Welt zusammen. Die meisten werden Episkopalkirchen genannt. Sie zählt 77 Millionen Mitglieder. Sie leben vor allem in den Ländern des Ex-Commonwealth und in Nordamerika.

  • 2,5 Millionen in den Vereinigten Staaten
  • 4 Millionen in Australien
  • 2,2 Millionen in Südafrika
  • 5 Millionen in Kenia
  • 18 Millionen in Nigeria

Fast die Hälfte der Anglikaner lebt heute in Afrika.

Bibliographie

  • Bücher
    • PICTON Hervé, Histoire de l’Église d’Angleterre, Ellipses, 2006

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