Sozialwerke

Nach der Revolution von 1848 und besonders nach der Pariser Kommune richtete sich die Aufmerksamkeit der protestantischen Gemeinschaft, zu der auch bedeutende Industrielle oder Bankleute zählten, auf die Arbeiterklasse und auf die Jugend.

Sie zeigten ein Interesse für Alltagsprobleme, das manchmal auf Einzelnes gerichtet war, dann aber auch in Bezug zu größeren gesellschaftlichen Problemen stehen konnte. In diesem Fall stand das Interesse oft unter liberalem Einfluss.

Evangelische Volksmissionen (Mac All-Mission)

  • Innenansicht des Saals « Bonne-Nouvelle » in Paris © S.H.P.F.

Auf die Idee der Volksmission kam ein englischer Pfarrer während seines Frankreichbesuchs in der Zeit der Kommune. Unterhaltungen im Viertel Belleville hatten ihn damals von der Notwendigkeit einer spezifischen Evangelierung der Arbeiterklasse überzeugt. Er verließ also Suffolk mit seinen Familienangehörigen, ließ sich in Paris nieder und opferte seine ganzen finanziellen Mittel der Verwirklichung seines Vorhabens.1872 wurde der erste Evangelisationssaal (Brüdergesellschaft) in Belleville eröffnet. Andere folgten wenige Zeit danach in Ménilmontant, im Faubourg Saint-Antoine, in Bercy und in Grenelle, später außerhalb von Paris, in Marseille und Lyon. Das Prinzip bestand in einer offenen Tür für die „Passanten“, in diesem Fall für Arbeiter und ihre Familien in diesen Vierteln. Das waren Versammlungen, in welchen das Evangelium gelesen und ausgelegt wurde. Aber es konnte auch ein beruflicher Lehrgang oder eine kostenlose medizinische Sprechstunde wahrgenommen werden. Auf Hörensagen kamen viele Leute zu bestimmten Anlässen, nur um „reinzuschauen“. Das Punlikum wechselte oft, es blieben aber auch viele.

Die von der „Mission“ bezahlten Angestellten gehörten nicht unbedingt den in Frankreich offiziell anerkannten protestantischen Kirchen an. Pfarrer Mac All hatte um amerikanische Finanzierungshilfe ersucht und seitdem baptistische Kirchenmitglieder eingestellt. Das gab Anlass zu einigen Konflikten mit den Pariser Pfarrern. Diese verweigerten, was eigentlich das Hauptziel der Versammlunsräume sein sollte, nämlich dass dort Gottesdienste stattfanden. Nach zähen Verhandlungen ermöglichten Kompromisse die Öffnung der protestantischen Kirchen für die Mitglieder der Brüdergesellschaften in ihrer Nachbarschaft.

Protestantische Gesellschaft für Arbeit (Société protestante du travail)

  • Frédéric Passy © S.H.P.F.

Sie wurde 1868 u.a. von E. Laboulaye und dem Volkswirt Frédéric Passys gegründet. Sie schlug kleinen Unternehmen oder kleinen Handelsgeschäften möglicherweise benötigte Buchhalter, Kassierer, Verwalter, Verkäuferinnen und Verkäufer zur Einstellung vor. Dieser Initiative folgten rasch mehrere Gewerkschaftskammern, die die Stellenfindung ebenfalls kostenlos anboten.

Gästehaus (Maison Hospitalière )

Dieses 1880 gegründete Werk sollte Arbeitslose aufnehmen und versuchen, sie wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern.

Protestantische Gesellschaft für praktische Studien der sozialen Fragen (Association protestante pour l'étude pratique des questions sociales)

  • Thomas Fallot (1844-1904) © S.H.P.F.

Sie wurde auf gemeinsame Anregung von Pfarrer Tommy Fallot und dem Volkswirt Charles Gide 1887 gegründet. Sie beschäftigte sich mit den praktischen, sozialen Folgen der Industrialisierung aus der Perspektive eines wirtschaftlichen Liberalismus. Anders gesagt, sie interessierte sich für die Tatsache, dass die Industrialisierung nicht reduzierbare Zwänge schuf, die unvermeidliche soziale Folgen nach sich zogen, die es einzeln, von Fall zu Fall, anzugehen galt.

Die Gesellschaft veröffentlichte die Zeitschrift „Christianisme pratique“ (Praktisches Christentum).

Französische Gesellschaft für die Einhaltung des Sonntags (Société française pour l'observation du dimanche)

Im Zweiten Kaiserreich und in der Dritten Republik blieben die Lebensbedingungen der Arbeiter extrem prekär : erschöpfende Arbeit, kein wöchentlicher Ruhetag, kein sozialer Schutz, und im allgemeinen all das , was u.a. von Zola in den „Rougon Macquart“ beschrieben wurde. Eine Veränderung dieser Zustände beabsichtigte die 1875 gegründeten Gesellschaft für die Einhaltung des Sonntags, gemeinsam mit laizistischen Vereinen wie der „Ligue populaire pour le repos du dimanche“ (Volksliga für Sonntagsruhe).

Sie sammelte Argumente jeglicher Art zugunsten eines sonntäglichen Ruhetages : bessere Hygiene, ausgeglicheneres Familienleben, Möglichkeit zur Einführung besserer Sitten und dementsprechend Verbesserung des Allgemeinwohls usw. Die Gesellschaft setzte sich u.a. für den sonntäglichen Ladenschluss ein und ermöglichte gleichzeitig den sonntäglichen Gottesdienst für die von der Arbeit befreiten Angestellten. Sie machte die Pfarrer auf dieses neue Publikum aufmerksam und empfahl ihnen, diesem entsprechende Predigten zu halten. Sie veröffentlichte ebenfalls ein Gesangbuch mit erbaulichen Liedern.

Der liberale Volkswirt Léon Say, Senatspräsident, war eines ihrer aktiven Mitglieder.

Förderverein für Verkäuferinnen (Oeuvre en faveur des desmoiselles de magasins)

Dieser Verein wurde 1883 von einer Amerikanerin, Miss Atterbury, gegründet. Er ist typisch für seine Zeit (gleichzeitig veröffentlicht Zola „Das Glück der Damen“). Er spiegelte eindeutig die Ansicht der reichen protestantischen Oberschicht über die sozialen Folgen eines zum großen Teil mitbewirkten Fortschrittes : Man solle auf jedem Gebiet, auch in den einfachsten und kleinsten Bereichen, den Fortschritt fördern und gleichzeitig strenge sittliche Forderungen aufrecht erhalten.

In diesem Fall ging es um folgendes Problem. Die neuentwickelte Handelsform der großen Kaufhäuser stellte an sich einen Fortschritt dar, doch hatte er auch eine Kehrseite. Eine nicht unbedeutende Schwäche des Systems stellten die unsicheren Arbeitsbedingungen der Angestellten, besonders die der Verkäuferinnen dar. Gemäß der Auffassung der Wohltäterin schienen diese in Versuchung zu geraten, ein Doppelleben zu führen : „Die hinter der Ladentheke ach so liebreizenden Verkäuferinnen sind es nach Feierabend weitaus weniger“ (Dictionnaire des oeuvres protestantes).

Das Anliegen des Fördervereines war es also, innerhalb des Kaufhauses einen netten Ort zu schaffen, an dem sich die Verkäuferinnen versammeln, sich in der Pause zusammenfinden konnten. Der Ort sollte die Möglichkeit geben, ihre Ausbildung (mit ausgewählter Lektüre oder Musikunterricht und insbesondere mit im Hinblick auf ihre Arbeit nützlichem Englischunterricht) zu ergänzen. Er sollte eine Berufsbegleitung gewähren, die ihnen dann gegebenenfalls einen stabileren und schicklicheren Beruf ermöglichte.

Dazugehörige Vermerke

Zufällige Vermerke