Samuel Vincent (1787-1837)

Der Pastor Samuel Vincent ist ein typischer Vertreter des südfranzösischen Protestantismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Durch seine Schriften und die von ihm gegründeten Zeitschriften brachte er das theologische Denken in Frankreich voran.

Der Gegner von Lammenais

  • Samuel Vincent © S.H.P.F.

Samuel Vincent wurde 1787 geboren, in dem Jahr, in dem das Toleranzedikt von Ludwig XVI. den Protestanten zwar nicht alle Freiheiten zurückgab, sie aber zumindest aus der Zwangsverwaltung durch die katholische Kirche befreite. Vincent gehörte mithin zu jener neuen Generation von Pastoren, die während der Revolution (1789-1799) und des napoleonischen Konsulats (1799-1804) sowie des I. Reiches (1804-1814) aufwuchsen und die im französischen Protestantismus zur Zeit der Restauration (1814-1830) und der Juli-Monarchie (1830-1848) den Ton angaben. Nach dem Studium in Genf entfaltete Vincent seine gesamte pastorale Tätigkeit in Nîmes, und er kann also auch als ein typischer Vertreter des südfranzösischen, mediterranen Protestantismus angesehen werden, der sich – selbst noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts – deutlich von dem nordfranzösischen « Pariser Protestantismus » unterschied.

Während eines Festgottesdienstes anläßlich der neuerlichen Thronbesteigung der Bourbonen hielt Samuel Vincent am 5. Juni 1814 eine Predigt, in der er die im Protestantismus vorherrschende Meinungsvielfalt gegen das Einheitsdenken des Katholizismus verteidigte : « Die Vielfalt der Ansichten und Ideen schadet der Religion mitnichten ; sie nützt ihr sogar, solange sie im Geiste der Nächstenliebe einherkommt. Sie fördert die Wahrheitssuche und treibt die Aufklärung voran ; sie beseitigt nach und nach den Irrglauben, reinigt die Religion und verhilft der Wahrheit zum Sieg ».

Kurz darauf fand sich Vincent durch die Macht der Ereignisse an vorderster Glaubensfront wieder, um seinen Standpunkt zu verteidigen. Denn 1817 war der berühmte Essai sur l’indifférence en matière de religion [Abhandlung über die Gleichgültigkeit in Sachen der Religion] von Hugues-Félicité-Robert de La Mennais (besser bekannt unter dem Namen « Abbé de Lamennais ») erschienen, in welchem dieser die These von der « Notwendigkeit einer Einheit in Glaubensfragen und einer ständigen und alleinigen Autorität zu ihrer Aufrechterhaltung » vertrat und den Protestantismus, der in seinen Augen seit den Anfängen der Reformation stets ein Herd der Unruhe und Rebellion gewesen war, scharf angriff. Unter den Protestanten war Vincent der einzige, der gegen Lamennais die Stimme erhob : 1820 veröffentlichte er seine 223 Seiten langen Observations sur l’unité religieuse, en réponse au livre de M. de La Mennais [Betrachtungen über die Einheit der Religion, als Antwort auf das Werk von Monsieur de La Mennais] und ließ noch im selben Jahr seine Observations sur la voie d’autorité appliquée à la religion [Betrachtungen über die der Religion verordnete strenge Linie] folgen, mit denen er auf einen zweiten, noch schärferen Angriff von Lamennais einging. Vincent nahm dort seine bereits in der Predigt von 1814 geäußerten Ansichten wieder auf und entwickelt sie weiter, und er tat dies mit mit einer Geisteskraft und Klarsicht, durch die er sich als ein Denker vorstellte, mit dem man künftig zu rechnen haben würde.

Der Theologe

  • Betrachtungen über den Protestantismus von J.L.S. Vincent © S.H.P.F.

Vincent hatte bereits durch seine Übersetzung zweier englischer Werke zu einer gewissen Erneuerung der französischen Protestantismus beigetragen : der « Moralphilosophie » von William Paley (1817) und der Abhandlung « Von den Beweisen und der Macht christlicher Offenbarung » von Thomas Chalmers (1819). 1820 ging er noch einen – für den französischen Protestantismus seiner Zeit entscheidenden – Schritt weiter, indem er eine wichtige theologische Zeitschrift gründete : Mélanges de religion, de morale et de critique sacrée [Vermischtes aus Religion, Moral und geistlicher Kritik, 10 Bände, 1820-1825]. Hier veröffentlichte er zahlreiche Originaltexte, war aber auch einer der ersten Publizisten in Frankreich, der die religiösen Standpunkte des deutschen evangelischen Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermacher (1768-1834) bekannt machte und die Bedeutung des Werkes von Immanuel Kant (1724-1804) für die protestantische Morallehre und Theologie unterstrich. Vincent mußte die Mélanges zwar aus praktischen Gründen später einstellen, aber in den Jahren 1830 und 1831 brachte er mit Religion et Christianisme [Religion und Christentum, 4 Bände] eine weitere Zeitschrift heraus.

Inzwischen hatte er 1829 sein wichtigstes Werk veröffentlicht : Vues sur le protestantisme en France [Betrachtungen über den Protestantismus in Frankreich, 2 Bände], in dem er theologische Perspektiven für das neue Jahrhundert aufzeigte.

« Das Evangelium ist der Inhalt des Protestantismus, die Gewissensfreiheit ist seine Form ». Dieser oft zitierte Satz faßt sehr gut die Gesamtperspektive des Werkes zusammen. Vincent unterscheidet klar zwischen Religion (oder lebendigem Glauben) und kirchlicher Organisation. Er erinnert daran, daß die Kirche nicht heilsnotwendig ist ; sie soll lediglich nützlich und wirksam sein, und das kann sie nur, wenn sie jedem Gläubigen eine freie Gewissensentscheidung – besonders in Glaubensfragen -zugesteht. Vincent unterscheidet auch zwischen der Bibel und der eigentlichen Offenbarung, welche sich dem Bewußsein – und selbst dem individuellen Bewußtsein – vermittelt. Daher ist für ihn die Reformation mehr als nur die Summe des Werkes der historischen Reformatoren, die zu ihrer Zeit deren Wirkung nicht in vollem Ausmaß abschätzen konnten.

Vincent gehört zu denjenigen Theologen, für die geistige Freiheit und freie Gewissensprüfung untrennbar miteinander verbunden sind. Dadurch wurde er zu einem der großen Wegbereiter des liberalen Flügels des französischsprachigen Protestantismus. Sein Menschenbild ist optimistisch und die Vorstellung einer « Erbsünde » hat in ihm keinen Platz. Für ihn gilt das Prinzip der freien Gewissensprüfung auch in Hinblick auf die biblischen Schriften, die einer wissenschaftlichen Kritik – im Sinne der zu seiner Zeit gängigen historischen Methoden – unterzogen werden sollten.

Gleichzeitig war es Vincent ein Herzensanliegen, die persönliche Frömmigkeit der Gläubigen zu befördern, wenn er auch in allen Einzelheiten vorgefertigte Glaubensartikel ablehnte. Für ihn setzte der Glaube ein fortgesetztes persönliches Bemühen im Nachdenken und um Freiheit voraus. Dadurch geriet er in die Nähe der Erweckungsbewegung : in der Tat riet er seinen Pastorenkollegen, in ihrer Amtsausübung den gleichen Eifer und die gleiche geistliche Hingabe wie die Erweckungsprediger an den Tag zu legen, ohne jedoch in deren doktrinale und religiöse Engstirnigkeit zu verfallen.

Schließlich bleibt festzuhalten, daß Samuel Vincent ein Verfechter des synodalen Systems der reformierten Kirchen war, was ihn dazu führte, die staatlichen Auflagen zu kritisieren, mit denen die Organischen Artikel des napoleonischen Konkordats (1802) in die innere Organisation dieser Kirchen eingriffen ; eine vollständige Trennung von Staat und Kirche forderte er dennoch nicht.

Autor: Bernard Reymond

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