Die Nachkriegszeit gestalten (1918-1930)

Der 1918 unterzeichnete Waffenstillstand besiegelt die deutsche Niederlage. Die Kriegsveteranen teilen eine gemeinsame Erinnerung, die sie weitergeben möchten, um nie wieder einen weltweiten Konflikt erleben zu müssen. Die Erfahrung des Krieges hat ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit verändert und ihre pazifistischen Ideale gestärkt. Von nun an wünschen sich die protestantischen Intellektuellen nur noch „Frieden, Frieden, Frieden“, wie Jules Puech im Juli 1916 in einem Brief an seine Frau schreibt.

Kritik am Versailler Vertrag

  • Signature du Traité de Versailles - Galerie des glaces (1919)
    © Wikimedia Commons

Der in Versailles 1919 unterzeichnete Friedensvertrag zwingt Deutschland schwere Bedingungen auf: er beinhaltet eine Demilitarisierung des Landes und wirtschaftliche Einschränkungen sowie eine schwere Schuldenlast. Der Vertrag wird von einigen Intellektuellen wie Charles Gide (1847-1932), Universitätsprofessor für politische Ökonomie, als ungerecht beurteilt und angeprangert. Seiner Meinung nach liegt es nicht im Interesse Frankreichs, dass seine Nachbarn ruiniert dastehen; im Gegenteil rät Charles Gide zur Wiederaufnahme von wirtschaftlichen, politischen und religiösen Beziehungen zu Deutschland. Der Vertrag wird ebenfalls stark kritisiert, weil er Deutschland beschuldigt, allein für den Krieg verantwortlich zu sein.

Nichtsdestoweniger hat der Friedensvertrag Vorteile wie die Demilitarisierung von europäischen Ländern, aber auch die Gründung des Völkerbundes, dessen Ziel die Bewahrung des Friedens in Europa ist. Die protestantischen Intellektuellen bewahren ihr pazifistisches Ideal trotz des Krieges. Sie hoffen auf eine Wiederaufnahme der protestantischen internationalen Beziehungen in der Überzeugung, dass der Dialog das beste Mittel zur Erhaltung des Friedens darstellt.

Die Erinnerung aufschreiben

  • Couverture de
    © Collection privée

Nach dem Krieg schreiben eine große Zahl von Kriegsveteranen, traumatisiert von ihren Erlebnissen, über ihre persönliche Erfahrung vom Krieg. Sie möchten das Bewusstsein der zukünftigen Generationen wecken, um einen neuen weltweiten Konflikt zu vermeiden.

Nachdem Jean Norton Cru (1879-1949) 28 Monate in Schützengräben zugebracht hat, sucht der Pfarrerssohn und Professor für französische Literatur dreihundert Kriegszeugnisse aus und stellt sie in einem Sammelband mit dem einfachen Titel „Témoins“ („Zeugen“) zusammen, der als „Antikriegswaffe“ gedacht ist.

J.N. Cru entwickelt sich so zum ersten Archivar der Schützengräben in dem Bestreben, einige „falsche Zeugen und wahre Lügner“ zu entfernen.

Durch diese verschiedenen Berichte von Augenzeugen entdeckt der Leser das Grauen der Front, den Tod, die Verletzten, die Granaten…, aber auch Solidarität zwischen den Soldaten aller Konfessionen. In der Tat beten Katholiken gemeinsam mit Protestanten, Militärseelsorger kümmern sich um alle Gläubigen… In den Regimentern entsteht Kameradschaft, die Soldaten unterstützen sich gegenseitig und halten zusammen, um gemeinsam den Schlachten entgegen zu treten; sie unterscheiden sich nicht mehr durch ihre Religion oder die Gemeinschaft, der sie im zivilen Leben angehören; alle gehören zu demselben Regiment und trotzen den gleichen Gräueln. So wird eine Gemeinschaft der Kriegsveteranen geschaffen, die das gemeinsam Erlebte erzählen möchten.

Sich des Krieges bewusst sein

  • Couverture de Roux le bandit par André Chamson (1925)
    © Collection privée

Das Europa der 1930er Jahre erlebt den Aufstieg totalitärer Regime. Protestantische Intellektuelle machen sich Sorgen um die Meinungs- und Religionsfreiheit. Der Krieg scheint unvermeidlich; der Pazifismus, der die Protestanten nach 1918 beseelte, schwindet. Man wird sich nun der Tatsache bewusst, dass es wünschenswert wäre, die totalitären Regime durch eine repressive Politik auszumerzen.

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges geht es den protestantischen Intellektuellen nicht mehr wie 1914 darum, die Nation, sondern die erworbenen Freiheiten zu verteidigen. Einige von ihnen gehen in den Widerstand mit Personen, mit denen sie nur folgendes Ziel gemeinsam haben: die totalitären Regime aufzuhalten. Sie werden von Romanen wie Roux le bandit (deutsch unter dem Titel: Der nicht mit den anderen ging) angeregt, dessen Werdegang nicht mehr als der eines Deserteurs angesehen wird, sondern als der eines Widerstandskämpfers.

Der Autor dieses Romans, André Chamson, wird selbst über seine Romanfigur sagen, dass er sich, wenn er noch das Alter zum Kämpfen gehabt hätte, mitten unter die Freiwilligen des Jahres 1944 gemischt hätte. Roux verkörpert damit ein Modell des Widerstandes.

Am Ende des Ersten Weltkrieges ist die protestantische internationale Gemeinschaft gespalten; zwanzig Jahre später, am Vorabend eines zweiten weltweiten Konfliktes ganz anderer Art, wird sie ihre Kräfte vereinen, um gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen.

Autor: Éloïse Bosq et Océane Guével

Bibliographie

  • Bücher
    • VERNIER Jacques , Jean-Norton Cru et la Grande Guerre. La « Vérité due aux poilus » contre les prix Goncourt, Ampelos, 2014
  • Artikels
    • CABANEL Patrick, „André Chamson : Roux le bandit, la paix et la guerre“, Bulletin, Société de l’Histoire du Protestantisme Français, Paris, 2014, Tome 160, p. 507-521
    • CAZALS Rémy, „Faire la guerre pour établir la Paix par le Droit : Jules Puech (1915-1916)“, Bulletin, Société de l’Histoire du Protestantisme Français, Paris, 2014, Tome 160, p. 399-415
    • FABRE Rémi, „Charles Gide et la Première Guerre mondiale“, Bulletin, Société de l’Histoire du Protestantisme Français, Paris, 2014, Tome 160, p. 417-445
    • ROUSSEAU Frédéric, „Jean Norton Cru, ancien combattant et premier archiviste des tranchées“, Bulletin, Société de l'histoire du protestantisme français, Paris, 2014, Tome 160, p. 491-505

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