Paul Ricœur (1913-2005)

Paul Ricœur gilt als einer der bedeutendsten französischen Denker der Nachkriegszeit. Er war Philosoph und Christ in einer Person. Dieser Denker der Tat hat sich abseits des Medienrummels in den „Interpretationskonflikt“ begeben, der darin besteht, den engen Mittelweg zwischen lebensweltlichem Kompromiss und christlicher Nächstenliebe zu finden.

Jugendzeit und Kriegsjahre

  • Der Philosoph Paul Ricœur © La Voix Protestante

Paul Ricœur wurde 1913 in einer protestantischen Familie geboren und von seinen Großeltern aufgezogen, da er schon sehr früh seine Eltern verloren hatte.

In seiner Jugend las er alles, was ihm unter die Finger kam und begann sich für die Philosophie zu interessieren, deren Studium er schließlich an der Sorbonne aufnahm. Er war ein regelmäßiger Besucher der von Gabriel Marcel organisierten „Freitagstreffen“ und ein eifriger Leser der 1932 von Emmanuel Mounier ins Leben gerufenen Zeitschrift Esprit [Geistesleben]. Als radikaler Christ trat er an die Seite des späteren Abgeordneten des Linksbündnisses Front Populaire [Volksfront], André Philip, und hinterfragte wie dieser die Rechtmäßigkeit staatlicher Gewaltausübung. Daneben lernte er Deutsch. 1935 erhielt er seine Zulassung zum Lehramt der Philosophie und unterrichtete zunächst in Saint-Brieuc, dann in Colmar und schließlich in Lorient.

1939 wurde er als Reserveoffizier einberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kam in das Lager von Arnswalde in Hinterpommern. Dort teilte er seine Baracke mit sechs intellektuellen Geistesverwandten und übersetzte die Ideen zu einer reinen Phänomenologie des Philosophen Edmund Husserl, der als Jude von den Nazis ausgewiesen worden war. Ricœur notierte seine Übersetzung auf den Seitenrändern des Buches, das er unter seiner Matratze versteckt hatte.

Von Chambon-sur-Lignon nach Nanterre

  • Le Chambon-sur-Lignon © Collection particulière

Nach dem Krieg arbeitete Paul Ricœur drei Jahre lang als Philosophieprofessor in Chambon-sur-Lignon, einer Kleinstadt im Departement Haute-Loire, die während der Okkupation Frankreichs durch die Wehrmacht zu einem der großen Zentren des Widerstandes geworden war. Über 600 Juden waren hier von den protestantischen Einwohnern vor der Deportation in Sicherheit gebracht worden.

1948 ging er nach Straßburg, an deren Universität er einen Lehrauftrag erhalten hatte, und wurde dort 1950 mit einer Dissertation über die Philosophie des Willens promoviert. In Straßburg verlebte er „acht sehr glückliche Jahre“. Als engagierter Philosoph schrieb er in der Zeitschrift Le Christianisme social [Das soziale Christentum] über die Grundfragen der modernen Gesellschaft und analysierte in seinen Artikeln für Esprit das „politische Paradox“.

1956 wurde Paul Ricœur an die Sorbonne berufen und zog mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in die in dem Pariser Vorort Châtenay-Malabry gelegene Kommune-Siedlung „Murs Blancs“, die Emmanuel Mounier 1939 für die Freunde und Förderer der Zeitschrift Esprit angelegt hatte.

Während des Algerienkrieges legte sich Ricœur mit der französischen Regierung sowie der OAS an [Organisation armée secrète = bewaffnete Geheimorganisation], die im Untergrund für ein „französisches Algerien“ kämpfte.

Ab 1960 richtete er sein philosophisches Interesse auf einen neuen Gegenstand : er wandte sich nun von der Phänomenologie (Wissenschaft von der Erfahrung des Bewusstseins) ab und der Hermeneutik zu und befasste sich insbesondere mit dem Strukturalismus (Wissenschaft von den Zeichensystemen). Auch kommentierte er das Werk von Sigmund Freud (1856-1939). Seine Lektüre des großen Psychologen trug ihm harsche Kritik seitens der Anhänger des marxistischen Philosophen Louis Althusser (1918-1990) und des strukturalistischen Psychoanalytikers Jacques Lacan (1901-1981) ein.

Neben seiner Lehrtätigkeit an der Sorbonne hielt er an der Pariser Fakultät für protestantische Theologie Vorlesungen und setzte seine zahlreichen Studenten auf sehr originelle Forschungsprojekte an.

1964 gründete er den Fachbereich Philosophie an der neu eingerichteten Universität von Paris-Nanterre und sagte eine „Beben nationalen Ausmaßes“ voraus, wenn nicht bald eine umfassende Reform des öffentlichen Schulwesens vorgenommen werden würde.

Die Ereignisse des Mai 1968 waren für ihn Ausdruck einer kulturellen Revolution innerhalb einer Industriegesellschaft, die sich immer weniger die Sinnfrage stellte.

1969 wurde er zum Dekan der Universität Paris-Nanterre ernannt, trat aber im März 1970 von allen seinen Ämtern zurück, da es dort zu offenen Gewalttätigkeiten zwischen Studenten und Ordnungskräften gekommen war, an deren Ende 187 Verletzte auf dem Campus lagen. Er verließ Nanterre voller Verbitterung, da er das Gefühl hatte, von beiden Seiten manipuliert worden zu sein.

Das "Exil" in den USA

Nach seinem Weggang aus Nanterre unterrichtete Paul Ricœur drei Jahre lang an der Universität von Löwen (Belgien), wo der Nachlass von Edmund Husserl archiviert ist. Daneben war er Gastprofessor an der Universität von Chicago und der dortigen Divinity School [theologisches Seminar], an der vor ihm der Theologe Paul Tillich gelehrt hatte.

Dank seiner Freunde Mircea Elliade und Hannah Arendt wurde ihm bewusst, dass seine Arbeiten in den USA großen Anklang fanden.

„Exiliert“ war er allerdings nur dem Anschein nach, da er stets die Hälfte des Jahres in Paris verbrachte, wo er seit 1967 das „Seminar in der Parmentierstraße“ leitete, den französischen Treffpunkt für Philosophen aus aller Welt.

Während dieser Jahre veröffentlichte Paul Ricœur einige seiner Hauptwerke : La Métaphore vive [1975 ; Die lebendige Metapher] und die dreibändige Abhandlung Temps et Récit [1981-1984 ; Zeit und Erzählung].

Eine anerkannte Autorität

  • Paul Ricoeur - Soi-même comme un autre © Meromedia

Seit den 1980er Jahren war Paul Ricœur eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der politischen Ethik. Er bewegte den Premierminister Michel Rocard zu einer Lösung des Konflikts in Neu-Kaledonien, war als Gutachter in der Affäre um verseuchte Blutkonserven tätig und trat als Vermittler zwischen Behörden und illegalen Einwanderern auf. Sein ständiges Bemühen um praxisorientierte Vernunftlösungen wurde auch in den gehobenen Kreisen der Justiz anerkannt, mit denen er am Institut für juristische Hochschulstudien debattierte.

Das Werk von Paul Ricœur steht im Spannungsfeld von drei philosophischen Denkrichtungen : der französischen reflexiven Philosophie, der sogenannten kontinentaleuropäischen Philosophie und der analytischen angelsächsischen Philosophie. Am Schnittpunkt dieser drei philosophischen Schulen greift er die Frage nach dem Subjekt auf, die er 1990 in seiner Abhandlung Soi-même comme un autre [Das Ich als ein Anderes] behandelte, einer umfassenden und von seiner außerordentlich vielseitigen Lektüre genährten Darstellung der Identitätskonstruktion.

Im September 2000 veröffentlichte er La mémoire, l’histoire et l’oubli [Erinnerung, Geschichte und Vergessen], wo er der Wechselbeziehung zwischen Erinnerungsprozessen und Geschichtsbildern nachgeht. Sein Nachdenken über die großen Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts führt ihn im Vorwort zu der Aussage : „Das Bestehen von zu viel Erinnerung auf der einen und zu viel Vergessen auf der anderen Seite ist besorgniserregend, ganz zu schweigen von den historischen Verzerrungen, die sich anlässlich von Gedenkveranstaltungen, aber eben auch des Verschweigens geschichtlicher Ereignisse beobachten lassen. In diesem Sinne ist das Eintreten für eine Politik des abwägenden Erinnerns eine meiner staatsbürgerlichen Leitlinien.

2004 erschien sein Werk Parcours de la reconnaissance [Wege des Erkennens], eine Abhandlung über den unterschiedlichen Sinngehalt des Begriffes „Erkennen“, den er unter dem Blickwinkel der „Erkenntnis“, der „Selbstbewußtwerdung“ und der gegenseitigen „Anerkennung“ untersucht, die bis zur „Erkenntlichkeit“ im Sinne von „Dankbarkeit“ reicht.

Paul Ricœur ist im Mai 2005 in Châtenay-Malabry verstorben. Seine Arbeitsbibliothek und sein wissenschaftlicher Nachlass sind seitdem an der Fakultät für protestantische Theologie in Paris verwahrt. Näheres hierzu auf der Internetseite.

Bibliographie

  • Bücher
    • ABEL Olivier, Paul Ricoeur, Michalon, Paris, 1996
    • DOSSE François, Paul Ricoeur, les sens d’une vie, La Découverte, rééd. La Découverte poche, Paris, 1997-2001
    • MONGIN Olivier, Paul Ricoeur, Seuil, rééd. Points-Seuil, Paris, 1994-2002
    • RICOEUR Paul, Philosophie de la volonté, 1950-1961
    • RICOEUR Paul, De l’interprétation : Freud et la philosophie, 1965
    • RICOEUR Paul, Le Conflit des interprétations, 1969
    • RICOEUR Paul, La métaphore vive, 1975
    • RICOEUR Paul, Soi-même comme un autre, 1990
    • RICOEUR Paul, Lectures I, II, III, 1991-1994
    • RICOEUR Paul, Critique et Conviction, 1995
    • RICOEUR Paul, La mémoire, l’histoire, l’oubli, 2000
    • RICOEUR Paul, Parcours de la reconnaissance, 2003
    • RICOEUR Paul et CHANGEUX Jean-Pierre, La nature et la règle, 1998
    • RICOEUR Paul et LACOCQUE André, Penser la Bible, 1998
  • Artikels
    • „Spécial Paul Ricoeur“, Esprit, Paris

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