Luthers Umgang mit
der Heiligen Schrift

Vor der Reformation liest man die Bibel im Rahmen der Liturgie und der gemeinschaftlichen Religionsausübung in lateinischer Sprache. Mit der Reformation ändert sich dieser Gebrauch: die Predigt steigt zum wichtigsten Bestandteil auf und die Bibellektüre rückt somit in den Mittelpunkt der Liturgie; da sie den Gläubigen nun in ihrer Muttersprache zugänglich ist, wird sie auch persönlich und im Familienkreis gelesen. Diese Veränderung geht auf das theologische Werk und die Bibelübersetzung von Luther zurück.

Luther entdeckt im Studium der Theologie den Reichtum der biblischen Texte

  • Timbre représentant Martin Luther
    Briefmarke: Martin Luther © Collection privée

Luther studiert an der Universität in Wittenberg, an der er nach der Promotion selbst lehrt. In seiner Lektüre konzentriert er sich besonders auf die Psalmen, die Briefe des Apostels Paulus an die Römer und Galater und auf den Hebräerbrief. Es ist ein aktives Lesen, ein Hinhören auf die Worte, deren Sinn sich in der Spannung von Text und Intelligenz des Lesers bald entzieht, bald offenbar wird. Es ist immer dieselbe Frage, die ihn bei der Lektüre umtreibt: die Frage nach der Wahrheit des biblischen Textes. Seiner Ansicht nach kann die Wahrheit nur in persönlicher und kritischer Lektüre erfasst und keinesfalls in Buchstaben gebannt werden.

Luther als Bibelübersetzer

  •  Luther (gravure de Blanchard d'après Labouchère)
    Luther (Gravur von Blanchard nach Labouchère) © Collection privée

Mit dem Grundsatz sola scriptura rückt Martin Luther die Bibel in den Mittelpunkt der Verpflichtungen der Gläubigen. Sie steht von nun an über dem kirchlichen und geistlichen Leben. Um die aufmerksame und offene Lektüre zu ermöglichen, hat er zusammen mit anderen Theologen die umfassende Arbeit der Übersetzung des Alten und des Neuen Testaments ins Deutsche in Angriff genommen. Seine Übersetzung setzt an den griechischen und hebräischen Texten an und hält die Spannung von Buchstabe und Geist offen; sie benutzt zum Beispiel verbale Modi, die eine fortlaufende, immer weitergehende Schöpfung nahelegen. Jeglicher Fundamentalismus wird so verhindert.

Luther ergänzt seine Übersetzungen um Kommentare, die zur aktiven Lektüre der biblischen Texte, zum Wahrnehmen ihres Reichtums und ihrer Verschiedenheit hinführen sollen.

Um die Bibel zu lesen, muss man auch lesen können. Luther ermutigte deshalb die Verwaltungsbeamten derjenigen Städte, die die Reformation durchgeführt hatten, Schulen zu eröffnen. Das Lesenlernen wurde so in protestantischen Kreisen relativ schnell geläufig.

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