Die hugenottische Fluchtbewegung in die Vereinigten Provinzen

Als eine Insel der Freiheit und Mäßigkeit nehmen die Vereinigten Provinzen das größte Kontingent der hugenottischen Flüchtlinge auf.

Der „Große Bogen der Flüchtlinge“

  • Die französischen Protestanten nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, Zufluchtsstätten in der Nähe © Musée du Désert

Die Vereinigten Provinzen (die heutigen Niederlande) entstehen 1579 am Ende eines Sezessionskrieges, in dem sie sich von den spanischen Niederlanden abtrennen (deren Gebiete die aktuellen Niederlande und Belgien umfassten). Diese waren der immer drückender werdenden Herrschaft der Habsburger unterworfen und zwangen ihren Bürgern den Katholizismus auf.

Viele Gründe führten eine große Anzahl Hugenotten dazu, die Vereinigten Provinzen zu wählen. Seit dem 16. Jahrhundert hatten sich zahlreiche kulturelle Beziehungen zwischen den französischen Calvinisten und der Reformierten Niederländischen Kirche entwickelt.

Seit der Gündung der Universität von Leyden im Jahre 1575 war der Lehrstuhl der Theologie von einem Franzosen besetzt. Als diese Fakultät von den arminischen Tendenzen „gereinigt“ worden war, hatte ein französischer Theologe sie geleitet und dort die Orthodoxie aufrechterhalten. Außerdem standen die Niederlande dem Absolutismus Ludwigs XIV. und seiner expansionistischen Politik immer feindlicher gegenüber und ihre Ablehnung von jeglichem Zentralismus ermöglichte den Ausdruck aller Richtungen.

Schließlich wurde die Aufnahme dieser Religionsgenossen durch die Anwesenheit einer reformierten französischsprachigen Kirche begünstigt, der wallonischen Kirche, die aus dem Süden der Niederlande gekommen war und sich in den 1570er Jahren während der ersten Flüchtlingswelle niedergelassen hatte.

Erstmals in Amsterdam betrieben die städtischen und provinzialen Autoritäten aller großen Städte ab 1681 eine sehr aktive Werbungspolitik und versprachen den zukünftigen Flüchtlingen zahlreiche Rechte und Privilegien, eine Werbung, die durch in Frankreich umlaufende Zeitschriften verbeitet wurde: Steuerfreiheit in den ersten Jahren, kostenlose und definitive Verleihung des Bürgerrechts, Eintritt ohne Gebühren und Formalitäten in die verschiedenen Gilden, materielle Hilfe für mittellose Handwerker. Ein regelrechter Wettbewerb entsteht zwischen den verschiedenen Städten, um die Flüchtlinge anzuziehen, denn die Kenntnis eines Zusammenhangs zwischen demographischer Expansion und wirtschaftlicher Entwicklung war schon verbreitet.

Der Empfang

  • Pierre Bayle (1647-1706) © S.H.P.F.

Nach einer oft gefährlichen Reise über Land und Meer gelingt es den 50.000 bis 75.000 Flüchtlingen (eine allgemein anerkannte Zahl) den „großen Bogen der Flüchtlinge“

(Pierre Bayle) zu erreichen. Darunter lässt sich eine besonders hohe Anzahl von Pfarrern, Militärangehörigen und Handwerkern vermerken. Viele waren erschöpft und besaßen oft nichts mehr. Bedeutende Geldsummen waren nötig. Viele Kollekten wurden organisiert auf allen Ebenen und sogar die Katholiken nahmen spontan daran teil.

Als die Großzügigkeit der Bürger abzunehmen begann, organisierten die Stadträte von Amsterdam 1695 eine Lotterie zugunsten der Flüchtlinge, eine auch von anderen Städten mit großem Erfolg angewandte Methode. Zu all diesen Summen kamen die Spenden der städtischen und kommerziellen Einrichtungen hinzu, wie die der Compagnie des Indes Orientales; diese Summen wurden den Hilfsverbänden der Kirchen anvertraut, die sie an die Bedürftigsten verteilten.

Aber wie in allen anderen Ländern der Flüchtlingsbewegung nahm die Gunst gegenüber den Flüchtlingen in der Bevölkerung nach einer gewissen Zeit ab, denn die Zahl der Flüchtlinge stieg immer weiter an mit einem starken Anteil an Armen. Der Unterschied in den Sitten und Gebräuchen, die allzu großen zugestandenen Freiheiten, die unzureichende Überwachung der Verwaltung des eingesammelten Geldes können dies erklären. Im Jahre 1690 wird entschieden, alle seit 1681 gewährten Privilegien aufzuheben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sind alle Flüchtlinge verpflichtet, sich einbürgern zu lassen und den Gesetzen so zu gehorchen wie die Einheimischen.

Der wirtschaftliche Beitrag

Die christliche Barmherzigkeit erklärt diese vom ganzen protestantischen Europa bewunderte Großzügigkeit und die Berichte über die Gräueltaten der königlichen Soldaten füllten die Zeitschriften. Aber natürlich waren auch wirtschaftliche Beweggründe vorhanden, die durch die Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich verstärkt wurden. Die Schließung der Grenzen für die Einfuhr ausländischer Waren durch Colbert führte die niederländischen Händler zu einer protektionistischen Politik, die die Notwendigkeit nach sich zog, Industrien zu schaffen, um auf französische Produkte verzichten zu können. Außerdem konnte der demographische Zuwachs einer stagnierenden Wirtschaft neuen Auftrieb verleihen. Schließlich konnten die wohlhabendsten Flüchtlinge ihr Kapital einbringen: im Jahre 1687 kamen zahlreiche wohlhabende Händler in Amsterdam an, die geglaubt hatten, den Verfolgungen entkommen zu können, und die Kapitalströme begünstigten die Aktivität der Finanzmärkte.

Die Textilindustrie wurde durch die Handwerker belebt, die über die modernsten Techniken der damaligen Zeit verfügten. Die Glasindustrie entwickelte sich mit der Herstellung von Glasscheiben und Spiegeln.

Das Geschäft mit Luxusgütern wurde besonders durch die Vermehrung der Geschäfte für Fächer, Schmuck, Uhren und Hüten ausgebaut.

Aber im Großen und Ganzen wurden die Hoffnungen enttäuscht. Sicher ermöglichten die Kompetenzen der französischen Handwerker zahlreiche Fortschritte, aber der französische Beitrag zur Wirtschaft der Republik bleibt auf längere Sicht geringfügig.

Der religiöse Einfluss

  • Pastoralbriefe von Pierre Jurieu (Rotterdam 1688) © SHPF

Der Einfluss der Flüchtlingsbewegung auf die wallonische Kirche war groß. Im Rahmen der reformierten niederländischen Kirche hatten sich viele französischsprachige Kirchen gebildet, denen es mehr und mehr an Pfarrern fehlte. Von den etwa 600 Pfarrern, die Frankreich verließen, gingen fast 400 in die Vereinigten Provinzen; die Hälfte von ihnen wurde in der wallonischen Synode aufgenommen, aber die verfügbaren Predigerstellen reichten nicht aus, um alle einzustellen.

Viele von ihnen ließen in Frankreich heimlich Ermahnungen an die „neuen Bekehrtenverteilen, um sie zum wahren Glauben zurückzuführen. In seinen „Pastoralbriefen“ ging der berühmte Pierre Jurieu sogar soweit, den Aufstand gegen die königliche Macht zu predigen. Sein Streitgespräch mit Pierre Bayle ist in den ihnen gewidmeten Einträgen beschrieben.

Der politische Einfluss

Antifranzösischen Gefühle breiten sich aus. Gegen Ludwig XIV. gerichtete Pamphlete, Satiren und Karikaturen überschwemmen die Zeitschriften und gehen sogar so weit, den König als „Geißel Gottes“ zu bezeichnen. Ihre heftige Opposition gegenüber einer ausländischen Macht versetzte die Autoritäten in eine peinliche Lage, doch trotz der Verbote machten sie weiter. Die Stellung des stathouder Wilhelm III., eines Gegners Ludwigs XIV., wurde dadurch gestärkt, zumal unter den Flüchtlingen zahlreiche Offiziere waren, die sich von seiner Armee rekrutieren ließen und eine wichtige Rolle spielten, als Wilhelm 1688 in England einfiel.

Der kulturelle Einfluss

  • Jacques Saurin © SHPF
  • Pierre Jurieu © SHPF

Das ist der wichtigste Beitrag, denn die Vereinigten Provinzen werden zur Heimat jener  „Republik der Geisteswissenschaften“, die sich, auf die französische Sprache gestützt, in ganz Europa ausbreitet. Es sei schon jetzt betont, dass die Rolle der geflüchteten Pfarrer von großer Bedeutung war. Sie verteilten sich entweder in den im 16. Jahrhundert gegründeten wallonischen Kirchen oder in selbstständigen Kirchen. Durch ihre Beredsamkeit und eine wegen ihrer Schärfe geschätzte Redekunst machten sie auf sich aufmerksam.

Jacques Saurin (1637-1730) gehört dazu. Andere werden durch ihre Schriften bekannt, darunter Pierre Jurieu.

Bibliographie

  • Bücher
    • LABROUSSE Elisabeth, Le Refuge hollandais : Bayle et Jurieu, Paris, 1961
    • MAGDELAINE Michelle et THADDEN Rudolf von (dir.), Le Refuge huguenot, Colin, Paris, 1985
    • YARDENI Myriam, Le Refuge huguenot. Assimilation et culture, Champion, Paris, 2002
  • Artikels
    • BOLHUIS H. H., „La Hollande et les deux refuges“, Bulletin de la SHPF, SHPF, Paris, 1969, Numéro 115
    • DIBON Paul, „Le Refuge wallon précurseur du Refuge huguenot“, Bibliographie internationale de l'Humanisme et de la Renaissance, Dix-septième siècle, Droz, Genève, 1967, Numéro 76-77, p. 53 -74

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