Der Protestantismus
in Ungarn

Am Ende des 16. Jahrhunderts breitet sich der Protestantismus weit in Ungarn aus. Trotz der Angriffe der Gegenreformation im 17. Jahrhundert und der Verfolgungen durch die Habsburger bleibt er ein wichtiger Bestandteil bei einer Bestandsaufnahme der Religionen in Ungarn.

16. Jahrhundert: die politische Lage

Der Sieg der Türken über die ungarische Armee in Mohács im Jahre 1526 zieht tiefe Veränderungen für das Land nach sich und führt sehr schnell zu dessen Dreigliederung. Der Westen steht unter der Herrschaft der Habsburger, der Mittelteil gerät unter türkische Herrschaft, Siebenbürgen leistet dem Sultan Tributszahlungen, behält aber eine gewisse Autonomie.

Das Land ist viel größer als heute, da Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg einen Großteil seiner Gebiete verloren hat.

Die Reformation in Ungarn

  • Tempel von Debrecen (Ungarn) © Collection privée
  • Mezöcsavas (Ungarn), hölzerner Glockenturm, Ende 16. Jahrhundert © Collection Privée

Die Ideen Luthers erreichen Ungarn ab 1520, aber das Luthertum berührt vor allem die Deutschen in Nordungarn (der heutigen Slowakei) und die Städte.

Die reformierte Bewegung erreicht das Land in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Mihály Szátarai und István Szegedi Kiss

(1506-1572) sind zwei einflussreiche Prediger ebenso wie der Bischof von Debrecen, Pierre Méliusz, Verfasser des ersten ungarischen reformierten Glaubensbekenntnisses (1559). Aber 1567 tritt in Debrecen die erste Synode zusammen, die das Zweite Helvetische Bekenntnis (1566) annimmt, ein Werk Bullingers. Die Stadt Debrecen spielt in der Entwicklung der reformierten Kirchen eine wichtige Rolle und wird das „ungarische Genf“ oder das „calvinistische Rom“ genannt werden.

Die reformierten Kirchen sind in Provinzen aufgeteilt unter der Leitung eines Superindentenen oder Bischofs. Aber es gibt keine nationale Synode und daher keine Einheitlichkeit dieser Kirche aufgrund der politischen Lage.

Siebenbürgen (Transilvanien)

  • Landtag von Torda, von Körösföi Aladar © Collection Privée
  • David Ferencz von Nagy Albert (1968) © Collection Privée

Das Fürstentum Siebenbürgen (heute in Rumänien gelegen) behält eine gewisse Autonomie, indem es eine Politik des Gleichgewichts zwischen Istanbul und Wien betreibt. Es wird zum Schutzraum der ungarischen Kultur. Der Calvinismus verbreitet sich dort schnell.

Er steht in Konkurrenz zur unitarischen Bewegung, die sich ab 1560 unter dem Antrieb des ehemaligen lutherischen Bischofs David Ferencz (1520-1571) entwickelt. Diese Bewegung, die die Lehre der Dreifaltigkeit als nicht der Heiligen Schrift gemäß leugnet, verbreitet sich in Cluj und gewinnt den Prinzen Johann Sigismund (1540-1571) für sich. Dieser lässt im Reichstag von Torda im Jahre 1568 ein religiöses Toleranzedikt annehmen, das erste in Europa. Es erkennt vier Konfessionen an: katholisch, lutherisch, reformiert und unitarisch. Die unitarische Kirche ist nach einer schwierigen Zeit immer noch präsent unter der ungarischen Bevölkerung in Siebenbürgen mit ungefähr 70.000 Gläubigen.

Der Calvinismus wird in Ungarn durch die Rebellion von István Bocksal gegen Wien gerettet, dem sich Siebenbürgen in einem Krieg gegen die Türken (1591-1606) unterworfen hatte. An der Spitze eines Bauernheeres erobert er die Unabhängigkeit des Fürstentums und die Religionsfreiheit zurück. Dieser fromme Calvinist, der den Calvinismus in Siebenbürgen und Ungarn bewahrte, ist auf der Wand des Reformationsdenkmals in Genf dargestellt mit einem Säbel in der Hand und folgendem ihm zugeschriebenen Satz: „Die Unabhängigkeit unseres Glaubens, unsere Gewissensfreiheit und unsere alten Gesetze sind uns mehr wert als Gold.“

17. Jahrhundert: die calvinistische Erneuerung

  • Kanzel im Tempel von Cluj / Klausenburg (Transsylvanien / Siebenbürgen, Rumänien), 17. Jahrhundert © Collection Privée

Unter dem Einfluss der englischen Puritaner ist eine zweite Welle von Reformatoren in Ungarn am Werk. Sie verhelfen dem ungarischen Calvinismus zu neuem Schwung. Die religiöse Praxis im täglichen Leben und die Frömmigkeit werden betont. Sie verstehen es, sich in einer direkten und den Leuten aus dem Volk verständlichen Sprache auszudrücken. Ihr Wirken verschafft dem ungarischen Calvinismus eine solide Grundlage. Diese Bewegung ist heute noch lebendig. Die Kirchen übernehmen Anfang des 17. Jahrhunderts das presbyterianische System. Sie werden von Laienpräsidenten gemeinsam mit den Pfarrern geleitet. Diese Laien ermöglichen den Fortbestand der Kirchen in Zeiten der Verfolgung, die vor allem die Pfarrer betrifft.

Die Gegenreformation am Werk im 17. und 18. Jahrhundert

  • Ungarische Minister 1674 auf die Galeeren verurteilt © S.H.P.F.

Die Gegenreformation kommt spät nach Ungarn. Erst nach dem Westfälischen Frieden (1648) hat Kaiser Ferdinand III. (1637-1654) freie Hand, um im ungarischen Gebiet seine Herrschaft wirksam durchzusetzen und zu versuchen, der Bevölkerung den Katholizismus aufzuzwingen.

Dynamische Bischöfe werden ernannt, die Jesuiten dehnen ihren Einfluss aus, Adlige treten über. Die Gegenreformation wütet von 1671 bis 1681. Pfarrer und Lehrer werden verbannt, zu Zwangsarbeit oder zum Galeerendienst verurteilt. Die evangelischen Kirchen werden den Katholiken übertragen. Die reformierte Kirche, die am Ende des 16. Jahrhunderts die Mehrheit hatte, geht stark zurück.

Die Brutalität der kaiserlichen Truppen löst eine Revolte aus, die von der Unterstützung Siebenbürgens, der Franzosen und sogar der Türken begünstigt wird. Im Jahre 1681, auf dem Reichstag von Sopron, akzeptiert Kaiser Leopold I. einen Kompromiss und gesteht den Protestanten eine gewisse Glaubensfreiheit zu.

1699 werden die Türken endgültig aus Ungarn vertrieben und die Habsburger bleiben die einzigen Herren im Land. Aber nach der Revolte von Ferenc II. Rákóczi und dem Vertrag von Szatmar 1711 verzichten sie darauf, eine Politik der Zentralisierung zu betreiben und den Katholizismus als einzige Landesreligion durchzusetzen. Doch haben die Protestanten es weiterhin schwer.

Das Toleranzedikt und die Verfassung einer nationalen Kirche

Das Toleranzedikt von 1781 setzt der mehr als ein Jahrhundert andauernden Unterdrückung der Protestanten ein Ende. Der Katholizismus bleibt die beherrschende, vom Kaiser geschützte Religion, aber protestantische Gemeinden mit einer Mindestzahl von 100 protestantischen Familien werden geduldet. Neue Kirchen werden gebaut, aber Glockentürme sind verboten. Die Revolution von 1848 gegen die Habsburger wird von den Protestanten unterstützt, aber die Unabhängigkeit, die die Gleichstellung von Katholiken und Protestanten sichert, hält nur ein Jahr an. Nachdem die Habsburger wieder die Oberhand gewonnen haben, leiden die Protestanten darunter, an der Rebellion teilgenommen zu haben.

Erst 1881, auf der Synode von Debrecen, erblickt eine nationale ungarische Kirche das Licht. Nationale Synoden versammeln sich danach alle zehn Jahre und arbeiten an der Vereinheitlichung der reformierten ungarischen Kirche.

Das Ende des 19. Jahrhunderts erlebt die Entwicklung der liberalen Theologie und die Erweckungsbewegung.

20. Jahrhundert: der Vertrag von Trianon (1920), der Kommunismus

  • Reformiertes Kolleg in Debrecen (Ungarn) © Collection Privée

Vor 1910 zählte die ungarische reformierte Kirche 2.620.000 Mitglieder in fünf kirchlichen Provinzen. Mit dem Vertrag von Trianon wird Ungarn unabhängig, verliert aber zwei Drittel seiner Territorien: ganz Siebenbürgen wird rumänisch, Ober-Ungarn wird ein Teil der Slowakei, und die Südprovinz befindet sich heute in Serbien. Durch diese Zersplitterung verliert die ungarische reformierte Kirche die Hälfte ihrer Mitglieder. Trotz einer Erneuerung ihrer Lehre befindet sie sich zunächst gegenüber dem aufsteigenden Nationalsozialismus, dann gegenüber dem Kommunismus in der Defensive.

Die kommunistische Partei unterdrückt die Kirchen. Sie nationalisiert alle religiösen Lehranstalten. Von den zahlreichen reformierten Schulen und Universitäten bleiben nur die theologische Fakultät von Budapest und Debrecen und die Oberschule von Debrecen übrig.

Der Religionsunterricht in den Schulen wird fakultativ, dann verboten. Die Pfarrer werden streng überwacht. Einige arbeiten mit der Partei zusammen. Nach der Revolution von 1956 wird das Los der Kirchen leichter, aber der Atheismus gewinnt nach und nach an Zulauf.

Die protestantischen Kirchen heute

  • Jean-Calvin-Platz in Budapest (Ungarn) © ERF-CEPE
  • Innenansicht der Reformierten Kirche von Budapest (Ungarn) © Lycée Montchavet-Lyon
  • Portal der Reformierten Kirche von Budapest (Ungarn) © Lycée Montchavet-Lyon

Erst im Jahre 1990 findet Ungarn zur Religionsfreiheit zurück. Eine gewisse Anzahl von Schulen wird den Kirchen zurückgegeben (40 Kindergärten, 33 Grundschulen, 20 Sekundarschulen der reformierten Kirche). Die Pfarrer und Religionslehrer werden in vier theologischen Fakultäten ausgebildet: Budapest, Debrecen, Pápá, Sárospatak.

Die reformierte Kirche Ungarns steht heute an zweiter Stelle unter den christlichen Kirchen (60% Katholiken, 20% Reformierte, 5% Lutheraner). Sie umfasst zwei Millionen Anhänger auf ungarischem Territorium, aber dreieinhalb Millionen in den alten ungarischen Provinzen und im Westen nach der großen Auswanderungswelle von 1956.

Die lutherische Kirche zählt 300 Gemeinden. Es gibt auch einige baptistische und methodistische Kirchen.

Seite der reformierten ungarische Kirche (Magyarországi Református Egyház)

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