Erasmus (1469-1536)

Erasmus, ein großer Vertreter des Humanismus des 16. Jahrhunderts, ist ein offener und kultivierter Geist, ein Europäer vor der Zeit. Er ist der Verfasser der ersten kritischen Ausgabe des Neuen Testaments auf griechisch, die im Jahre 1516 erschienen ist.

Europäer und Humanist

  • Erasmus (1469-1536)
    Erasmus (1469-1536) © Église réformée de Savoie

Desiderius Erasmus, 1469 in Rotterdam geboren, tritt schon sehr jung ins Kloster ein. Er wird 1492 zum Priester geweiht und wird Sekretär des Bischofs von Cambrai, der sein Theologiestudium in Paris finanziert. Nachdem der Papst ihn 1495 von seinem Gelübde entbunden hat, beginnt er eine Karriere als Lehrer, die ihn nach England, Frankreich und nach Italien führt, wo er im Jahre 1506 seinen Doktortitel erhält.

Zurück in England, veröffentlicht Erasmus sein berühmtes „Lob der Torheit“, ein satirisches Werk, das seine große geistige Unabhängigkeit bezeugt. Erasmus verspottet darin die verschiedenen sozialen Kategorien seiner Zeit, vor allem Philosophen und Theologen und besonders Mönche.

1516 veröffentlicht er „Die Erziehung des Prinzen“, ein Werk, das er Karl V. widmet.

Der brillante Humanist reist durch ganz Europa und wechselt häufig seinen Wohnort: England, Italien, die Niederlande, Brüssel, Antwerpen, Gand, Löwen. 1521 lässt er sich in Basel nieder, das er 1529 in Richtung Freiburg verlässt. Im Jahre 1535 kehrt er nach  Basel zurück, wo er 1536 stirbt.

Er wird „der Erzieher Europas“ und „der Vater des Humanismus“ genannt und unterhält eine rege Korrespondenz mit allen großen Denkern seiner Zeit.

Rückkehr zu den bibilischen Quellen

  • © Bibliothèque universitaire de Montréal

Die Humanisten lehren eine Rückkehr zu den Quellen (ad fontes), das heißt zu den originalen Manuskripten. Jahrhundertelang kennt das Abendland den Text der Bibel nur durch die Vulgata, die lateinische Übersetzung, die vom Heiligen Hieronymus Anfang des 5. Jahrhunderts vollendet wurde.

Die griechischen Manuskripte der Bibel, die im 15. und 16. Jahrhundert aus dem Orient gebracht wurden, zeigen wichtige Unterschiede zu dieser lateinischen Übersetzung auf.

Eine vergleichende Arbeit soll erlauben, den Text so getreu wie möglich wieder herzustellen.

Im Jahre 1504 macht sich Erasmus an diese Arbeit unter dem Einfluss der Arbeiten von Lorenzo Valla, einem italienischen Humanisten, der 1455 seine „Anmerkungen zum Neuen Testament geschrieben hatte. Valla erklärte, er wolle auf die griechische Quelle zurückgreifen, da der „lateinische Bach“ mit „Schlamm und Schmutz“ beladen sei. Erasmus reiht sich in die Gruppe der Wissenschaftler ein, die versuchen, den besten „Quellentext“ herauszuarbeiten.

Dazu lässt er sich von dem Theologen Origines inspirieren, der schon im dritten Jahrhundert in seinen „Hexapla verschiedene griechische Versionen des Alten Testaments und eine eigene nach einer vergleichenden Studie erstellte Version vorgestellt hatte.

Das im Jahre 1516 erscheinende Neue Testament von Erasmus findet einen großen Widerhall. Parallel zum griechischen Text bietet er eine neue Übersetzung auf Latein, die die Vulgata korrigiert.

Das von Erasmus herausgegebene griechische Neue Testament wird zum Nachschlagetext für die Humanisten und Reformatoren.

Erasmus und die Reformation

  • Neues Testament von Erasmus, Lateinisch-Griechisch, 1516 © Fonds Société Biblique / Marc Gantier

Die Schriften von Erasmus und seine Suche nach einem christlichen Humanismus werden Luther und andere Reformatoren inspirieren. Ausgehend von dem von Erasmus editierten griechischen Text schafft Luther seine deutsche Übersetzung des Neuen Testaments  und veröffentlicht sie 1522.

Die Arbeiten von Erasmus und seiner Nachfolger erschüttern das Monopol der lateinischen Vulgata. Sie führen zu zahlreichen Angriffe und Kontroversen. Seine Kritik in Bezug auf die Kirche und die Mißbräuche des Klerus entspricht der der Reformatoren. Dennoch bleibt Erasmus ein Verfechter der Einheit der Kirche und erteilt dem Bruch mit ihr eine Absage.

Einige seiner Ideen finden sich bei Luther wieder: das Prinzip einer Theologie, die sich auf die Heilige Schrift beruft, die Bedeutung der inneren, die Werke und die äußeren Zeremonien relativisierenden Religion, der Zugang aller zum biblischen Text in ihrer Muttersprache.

Die Sonne ist ein allgemeines Gut, das der ganzen Welt geschenkt wird. Genauso steht es mit dem Wissen um Christus… Ich bin ganz und gar nicht der Meinung derer, die nicht wollen, dass die göttlichen Buchstaben in eine Volkssprache übersetzt werden, sodass sie von den  Profanen gelesen werden können, als wäre die Lehre Christi so verschleiert, dass nur eine Handvoll Theologen sie verstehen könnten, oder als wäre der Schutzwall der christlichen Religion aus der Unwissenheit gemacht, in der man sie gefangen hält. Ich möchte, dass alle, auch die einfachsten Frauen die Evangelien lesen und die Briefe des Heiligen Paulus.

Mögen diese Bücher in alle Sprachen übersetzt werden, sodass die Schotten, die Iren, aber auch die Türken und die Sarrazenen sie lesen und kennen können… Möge der Bauer an seinem Pflug Abschnitte daraus singen können, der Weber an seinem Kamm eine Melodie erklingen lassen, oder der Reisende seine Straßenmüdigkeit mit den Erzählungen lindern können.“ (Vorwort zum Neuen Testament, 1516

Da er sich weigert, sich von der katholischen Kirche zu trennen, distanziert sich Erasmus von der Reformation. Luther beschuldigt ihn der Lauheit und des Skeptizismus. Eine Auseinandersetzung entsteht zwischen den beiden Männern. Erasmus veröffentlicht 1524 seine Streitschrift „Vom freien Willen“, worauf Luther 1525 mit seiner Abhandlung „Der unfreie Wille“ antwortet.

Die Uneinigkeit ziwschen den beiden Männern bezieht sich auf den Begriff der Freiheit des Menschen in Bezug auf Gott, auf die Tradition und auf den Begriff der Gnade und der Verdienste. Erasmus zufolge kann der Mensch mit Gott zusammen für sein eigenes Heil wirken.

Bibliographie

  • Bücher
    • CHOMARAT Jacques (éd.), Actes du Colloque international Érasme, Tours, 1986
    • HALKIN Léon Ernest , Érasme parmi nous, Le Grand livre du mois, Paris, 1997
    • PHILLIPS Margaret Mann, Érasme et les débuts de la réforme française (1517-1536), Champion, Paris, 1933

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