Ein neues theologisches Klima

Im Laufe des 19. Jahrhunderts tritt in der protestantischen Theologie eine Wende von großer Tragweite ein. Dieses neue theologische Klima entsteht aus vier Faktoren : dem Aufschwung der Bibelkritik ; einer neuen Auffassung von der Wahrheit ; der Säkularisierung der Gesellschaft ; der Bedeutung, die der Sensibilität zugestanden wird.

Eine Ära der Veränderung

Wie es der deutsche Theologe Ernst Troeltsch (1865-1922) zu recht betonte, ähneln Luther, Zwingli, Calvin und ihre unmittelbaren Nachfolger auf Grund ihrer Denkweise, ihres Verhaltens und ihrer Sensibilität eher den Katholiken des 16. Jahrhunderts als den modernen Protestanten. Sie leben nämlich im selben gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld, sie argumentieren mit denselben gedanklichen Kategorien wie ihre zeitgenössischen katholischen Gegner.

Im 19. Jahrhundert ergeben sich große Veränderungen. Der Kontext ist nicht mehr der gleiche ; es treten unterschiedliche intellektuelle und geistliche Vorgehensweisen auf ; es stellen sich neue Probleme. Neben denjenigen, welche die klassischen Antworten und Lösungen als wesentlich beibehalten wollen (man nennt sie ‚Orthodoxe‘), schlagen andere (man nennt sie ‚Liberale‘) theologische Umformungen vor, die manchmal von solcher Bedeutung sind, dass man von einem ‚Neoprotestantismus‘ hat sprechen können.

Wie soll man die Bibel lesen ?

  • Bibel von Olivétan auf Französisch Ausgabe von 1535, herausgegeben von Pierre de Wingle in Neuchâtel © Fonds Société Biblique / Marc Gantier

In der klassischen Epoche sieht man, bis auf wenige Ausnahmen, in der Bibel ein heiliges Buch, das direkt von eingegeben wurde. Im 19. Jahrhundert neigen von Hochschullehrern geleitete historische Arbeiten dazu, sie als Werk von Einzelpersonen oder Gruppen Gläubiger darzulegen, die in den biblischen Schriften mit ihrer Sensibilität, ihren Vorstellungen, ja sogar mit ihrem Aberglauben ihre Überzeugungen ausdrücken. Das Alte und das Neue Testament schöpfen aus der religiösen Literatur des alten Mittleren Ostens ; sie enthalten Mythen, Legenden und Fabeln : wie die Berichte über die Schöpfung, die Geburt Jesu und viele Wundergeschichten.

Wenn man die Schlussfolgerungen der Historiker akzeptiert, verändert sich der Status der Bibel, und man liest sie nicht mehr auf die gleiche Weise. Sie ist kein unfehlbarer Text mehr, der direkt von Gott stammt, sondern ein unvollkommenes, menschliches Zeugnis, das über eine echte geistige Erfahrung der Begegnung Gottes abgelegt wird. Man muss die Bibel auslegen, indem man sich bemüht, die tiefere Wahrheit herauszulösen, die durch die menschliche Rede mehr oder weniger gut ausgedrückt wird. Unter den Protestanten des 19. Jahrhunderts wird diese neue Betrachtungsweise der Bibel von einigen mit Begeisterung übernommen (sie finden sie befreiend), von anderen wird sie mit Empörung abgelehnt (sie sehen sie als zerstörerisch an). Die letzteren müssen sich an eine neue Aufgabe machen :

feststellen, wie die göttliche Eingebung funktioniert, und aufzeigen, in wiefern sie es erlaubt, die Bibel als einen offenbarten Text zu betrachten.

Was ist Wahrheit ?

Lange Zeit herrschte eine ‚objektive‘ Auffassung von der Wahrheit vor, die sich durch die völlige Übereinstimmung zwischen der Rede und der Sache, von der sie spricht, auszeichnet : eine Behauptung ist wahr, wenn sie ihren Gegenstand getreu beschreibt. Die Kirchen, die protestantischen und die katholischen, sind also der Überzeugung, dass ihre Dogmen ganz genau die ureigene Natur Gottes und die Wirklichkeit seines Handelns selbst definieren. Diese Dogmen sind daher absolute, unveränderlich Formeln, die überall und jederzeit Gültigkeit haben.

Im 19. Jahrhundert sieht sich dieser ‚Dogmatismus‘ stark in Frage gestellt. In der Nachfolge Kants betont man, dass unsere Beschreibungen, unsere Analysen, unsere Wahrnehmung der Gegenstände ebenso stark von dem abhängen, was wir sind, wie von dem, was sie sind. Mit anderen Augen sähen wir sie anders. Unsere Rede beschreibt die Dinge nicht so, wie sie an sich sind, sondern so, wie wir sie durch die ‚Brille‘ unseres Geistes wahrnehmen, die von der Beschaffenheit unseres Seins, unserer Kultur und unserer Erfahrung abhängt.

Wenn dem so ist, sprechen die religiösen Lehren nicht vom Wesen Gottes, sondern von der Art, wie er uns berührt und wie wir ihn wahrnehmen. Daher müssen die Lehren sich ändern, wenn sich die Erfahrung und das Denken der Menschen wandeln.

So verwenden die Trinitätslehre und die Christologie die Ideen und Begriffe des hellenistischen Denkens, die aus einer anderen Kultur stammen. Wir aber sprechen und verstehen ihre Sprache nicht mehr. Anstatt die alten Formeln beizubehalten, sollte man neue finden, die den Erfahrungen und Denkweisen unserer Zeit entsprechen, und dabei nicht vergessen, dass man sie ihrerseits kritisieren und revidieren kann.

Auch in diesem Punkt besteht heftiger Konflikt. Für die einen (die Symbolfideisten, zum Beispiel) drückt die Glaubenslehre unsere Art zu glauben aus und hat also nur einen relativen Wert ;

Die Theologie analysiert und beschreibt die Glaubenserfahrung. Für die anderen (die Orthodoxen) definiert die Glaubenslehre, was man glauben muss, die Theologie bestimmt, strukturiert und beurteilt die Glaubenserfahrung.

In Richtung einer säkularisierten Gesellschaft

  • © S.H.P.F.

Im 19. Jahrhundert besteht eine Vermischung von Gesellschaft und Religion. Wenn man einem Land angehört, schließt das die Ausübung der Religion ein, die dort üblich ist. Man kann sich kaum vorstellen, dass mehrere Religionen in einem Land nebeneinander bestehen und eine Regierung ihnen gegenüber eine neutrale Haltung einnimmt. Kein Bereich der Gesellschaft und keine menschliche Tätigkeit entziehen sich der Religion.

Vom 18. Jahrhundert an nimmt die religiöse Durchdringung der Gesellschaft ab. Eine säkulare Denkweise entwickelt sich ; die Wissenschaft, die Philosophie, die Moral, die Politik neigen dazu, sich immer mehr von der Religion zu lösen. Die Gräuel der Verfolgung schrecken davor ab, nur eine einzige Religion in der Gesellschaft zu erlauben. Man gelangt zu der Meinung, dass der Glaube von der persönlichen Überzeugung abhängt und keineswegs von kollektiven, gesellschaftlichen Entscheidungen.

Man beginnt, die Beziehungen zwischen der Religion und dem Staat ganz anders zu sehen und organisieren. Die Protestanten wollen den Staat immer weniger schulmeistern ; sie wünschen sich ganz einfach, dass er unparteiisch ist. Sie wollen in der Gesellschaft tätig werden, aber auf einer anderen Basis als jene der religiösen Ordnung von einst (so will das soziale Christentum für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen, was keine Übereinstimmung impliziert sondern Spannung, ja sogar Opposition zwischen den Kirchen und den politischen und wirtschaftlichen Mächten). Große Debatten werden über die Trennung von Kirche und Staat geführt, die von einigen gewünscht und von anderen gefürchtet wird. Viele Protestanten werden zu Befürwortern und Urhebern einer Trennung von Kirche und Staat, die ihre Vorfahren mit Entsetzen abgelehnt hätten, und sie sprechen sich dafür aus, dass die Glaubensfreiheit respektiert wird, welche die Reformation nicht gerade praktiziert hat.

Parallel dazu ‚demokratisiert‘ sich der Protestantismus. Während der klassische Protestantismus eine aristokratische Auffassung sowohl von den Verwaltung einer Stadt hat, die man Honoratioren anvertraut, als auch von der Verwaltung einer Kirche, die von ‚den Ältesten‘ vorgenommen wird, neigt der ‚Neoprotestantismus‘ zu einer Leitung, die durch vom ‚Volk‘ gewählte Vertreter im Rat und in den Versammlungen ausgeübt wird, und diesem Rechenschaft über ihre Verwaltung ablegt. Man hat eine ganz andere Vorstellung von der politischen und auch der kirchlichen Macht.

Die Kultivierung der Gefühle

  • Der romantische Garten von Chateaubriand in Vallée aux Loups (im Wolfstal) © O. d'Haussonville

Der klassische Protestantismus ist verstandesbetont. Er argumentiert, beweist, lehrt oft auf scholastische Art. Hingegen misstraut er dem Gefühl ; er verbannt es freilich nicht, aber er schränkt es ein und unterdrückt es. Die Predigten sind wahre Theologievorlesungen für ein breites Publikum und versuchen eher zu belehren als das Herz zu rühren.

Mit dem Anbruch der Romantik verändern sich die Dinge. Eine gefühlsbetonte Frömmigkeit macht sich allmählich breit, welche die Regungen kultiviert und viel weint ( im Katholizismus ist es ebenso ; man kennt den berühmten Ausspruch Chateaubriands : „Ich habe geweint, also habe ich geglaubt“. Die großen Erweckungsbewegungen sind in diesem Kontext zu sehen : sie sprechen mehr das Gefühl als den Verstand an (ohne ihn jedoch abzulehnen), und selbst wenn sie im allgemeinen theologisch gesehen eher orthodox sind (es nehmen aber auch viele Liberale an der Erweckung teil), so wollen sie eher eine starke existentielle Frömmigkeit hervorbringen und sich entwickeln lassen, als dass sie sich für die Formulierungen der Lehren interessieren. Sie charakterisieren den Glauben in erster Linie nicht als das Festhalten an Lehren. Sie sehen in ihm vor allem ein Gefühl, das der Gegenwart und der Liebe Gottes, welches das Leben des Gläubigen gefühlsmäßig erschüttert.

Diese vier Veränderungen geben dem Protestantismus ein völlig anderes Gesicht und seiner Theologie eine neue Richtung. Ein Jahrhundert im Verborgenen hat den französischen Protestantismus von den Denkströmungen ferngehalten. Nach und nach wird er seinen Rückstand durch höchste Anstrengung und nicht ohne Schwierigkeiten aufholen.

Autor: André Gounelle

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