Die Rolleder protestantischen Frau
(16. – 19. Jahrhundert)

Die Reformation hat von Anfang an eine Aufwertung der Rolle der Frau in der Familie und dann auch im Gemeindeleben und in der Öffentlichkeit vorgenommen. Zu einer Zeit, in der die meisten Frauen weder lesen noch schreiben konnten, hatte sie zunächst einen günstigen Einfluß auf ihre Geistesbildung. Später spielten die Frauen dann auch eine zunehmend wichtige Rolle in Kirche und Gesellschaft.

Die Reformation und die Selbstbehauptung der Frauen

  • Eine protestantische Familie liest in der Bibel und singt. Ansicht aus dem 19. Jahrhundert. © S.H.P.F.

Protestantische Frauen und Mütter müssen lesen können, um aus der Bibel zu lernen, wie sie nach dem Willen Gottes « ihre Kinder christlich aufziehen » sollen. Luther öffnet ihnen daher die Schulen, und Calvin stellt sie auf die selbe Stufe wie die Väter : beide sollen « die Kinder menschenfreundlich behandeln ».

So sind schon im 16. Jahrhundert selbst die aus dem breiten Volk stammenden « Töchter der Reformation » gebildeter als ihre katholischen Gefährtinnen. Im Béarn und besonders in den mehrheitlich protestantischen Städten wie Nîmes, La Rochelle und Montauban werden Mädchenschulen eröffnet.

Der Unterricht soll die Mädchen auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiten. Die Bürgertöchter unter ihnen lernen auch, später einem eigenen Hausstand vorzustehen. Dazu müssen sie lesen und schreiben können und die Grundrechenarten beherrschen. Es geht hier also eher um praktische Ausbildung, nicht um theoretische Unterweisung.

Aber schon in den 1550er Jahren machen Frauen von sich reden, die Gebetsversammlungen leiten, Kinder taufen und auch selbst predigen.

Dieses Vorpreschen wird jedoch sehr schnell abgebremst. Ab 1560 sprechen sich die National- und Provinzialsynoden mehrfach dagegen aus, daß die Frauen « sich in die Verkündung der Bibel und die öffentlichen Gebete einmischen » und legen fest, es sei ihnen « nicht gestattet, Kinder über das Taufbecken zu halten ».

Auch die protestantischen Kirchen sichern die Vorherrschaft der Männer ab.

Die nach der Grundschule weiterführenden Lehranstalten – zwischen 1560 und 1598 werden 14 protestantische Mittelschulen [collèges] gegründet – nehmen ausschließlich Jungen auf. Die Mädchenerziehung ist weiterhin darauf ausgerichtet, gute Wirtschafterinnen auszubilden.

Die Frau soll sich aller « Ausschweifung und Zügellosigkeit » enthalten und sich « bescheiden und sittsam » zeigen :

« So lange sie auf Erden weile,Dem Gatten sie zu Hilfe eile.Sie sei dabei stets wirsch und fromm,Und niemals in den Kopf ihr kommZu tun, was den Gefährt verstört. »Thédore de Bèze

So bildet sich im Gesellschaftsmodell des Protestantismus eine neue Rolle der Frau heraus, die die überkommene Sicht des Mittelalters, in der die Frau nur als « Heilige » oder « Hure » vorkam, weit hinter sich läßt. Das Zweite Geschlecht erhält seine eigene « Berufung » (Luther).

Von der protestantischen Frau wird erwartet, daß sie eine gute Wirtschafterin, eine gute Mutter und eine gute Erzieherin ist. Noch für lange Zeit behalten diese weiblichen Pflichten ihre Gültigkeit, wenn sie auch von nun an auf eine religiöse Grundlage (Gottes Wille) gestellt und den politischen Erfordernissen einer Neuordnung der Gesellschaft angepaßt werden. Im Eheleben spielt die Frau neben dem Mann nun die zweite – aber keinesfalls eine zweitrangige – Rolle. Das verleiht ihr neue Würde : sie ist am Gedeihen ihrer Ehe und Familie gleichberechtigt beteiligt.

Die Frauen befreien sich

Nur wenig ist uns über die einfachen Frauen der protestantischen Gemeinden im 16. Jahrhundert überliefert. Wir können aber davon ausgehen, daß die Reformation ihnen nicht nur die Möglichkeit einräumte, an der heiligen und ernsten Aufgabe, die Bibel zu lesen und auszulegen, mitzuwirken, sondern daß sie sie auch nach und nach aus der Vormundschaft der Pastoren befreite. Sie fanden eine neue Beziehung zu den Männern und nahmen eine neue Form der Verantwortung auf sich.

Dieses trifft in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts besonders auf die hochadligen Damen zu, deren Erziehung und Stand sie dazu in die Lage versetzen, sich ohne Rücksicht auf ihr persönliches Glaubensbekenntnis mit den Ideen der Reformation vertraut zu machen und diese in ihren Kreisen zu verbreiten.

Marguerite d'Angoulême, genannt « Margarete von Navarra » (1492-1549)

  • Marguerite d'Angoulême (1492-1549) © S.H.P.F.

Die Schwester des französischen Königs Franz I. befördert das geistige Leben am Hofe ihres zweiten Gatten, des Königs von Navarra, Henri d’Albret. Sie ist für die neuen religiösen Ideen ihrer Zeit sehr empfänglich und beschäftigt sich vor allem mit den Ansichten des Bischofs von Meaux, Guillaume Briçonnet, und des großen Humanisten Lefèvre d’Étaples (« Faber Stapulensis »), die zusammen mit einer Schar Gleichgesinnter das religiöse Leben der Katholiken reformieren wollen. Margarete von Navarra ist die Mutter von Jeanne d’Albret.

Renée de France (1510-1575)

  • Renée de France nach einem Gemälde des königlichen Museums « Musée Royal » © S.H.P.F.

Renée de France ist die zweite Tochter von Ludwig XII. und Anne de Bretagne ; ihre ältere Schwester, Claude de France, ist mit François d’Angoulême, dem späteren König Franz I., verheiratet. Renée läßt sich noch stärker als dessen Schwester Margarete von Navarra auf die neuen Ideen der Reformation ein. Am sittenstrengen Hofe ihres Gatten Hercule II. d’Este, des Herzogs von Ferrara (Norditalien), empfängt sie 1535 den im Zuge der Plakat-Affäre aus Frankreich geflohenen Clément Marot und nimmt auch Calvin bei sich auf, der nach der Veröffentlichung seiner Unterweisung im christlichen Glauben ein unstetes und entbehrungsreiches Leben zwischen Basel und Genf führt.

Renée bekennt sich niemals offen zum protestantischen Glauben, und das trotz des Drängens von Calvin, mit dem sie bis zu dessen Tod brieflich in Verbindung steht ; trotz der Erschütterungen der ersten Religionskriege, und trotz der Bartholomäus-Massaker, deren Augenzeuge sie wird, da sie zur Hochzeit von Heinrich von Navarra und Marguerite de Valois nach Paris gereist ist.

Isabeau d'Albret (1513 -1560)

Sie ist die Tochter von Jean d’Albret und Catherine de Foix und die Gattin von René I. de Rohan. 1556 begegnet sie dem Admiral Coligny und hält sich 1557 im Béarn auf, wo ihre Nichte Jeanne d’Albret später den protestantischen Glauben zur Staatsreligion erklärt. Sie fühlt sich stark vom Protestantismus angezogen, bekehrt sich aber aus Respekt vor dem Glaubensbekenntnis ihres Gatten erst nach dessen Tod (1558). Sie führt in ihrem Schloß Blain (im heutigen Département Loire-Inférieure) den protestantischen Gottesdienst ein und wird dadurch zur Gründerin der ersten reformierten Kirchengemeinde in der Bretagne.

Charlotte de Laval (um 1520-1568)

Sie ist mit dem Admiral Gaspard de Coligny verheiratet und folgt ihm auf alle Schlachtfelder.

Jeanne d'Albret (1528-1572)

  • Jeanne d’Albret (1528-1572) © Musée de la Réformation Genève

Sie ist mit Antoine de Bourbon verheiratet und wird nach dem Tod ihres Vaters (1555) Königin von Navarra. 1560 bekehrt sie sich unter dem Einfluß von Théodore de Bèze zum Protestantismus und erklärt diesen zur Staatsreligion. Sie ist die Mutter von Heinrich von Navarre, des späteren Königs Heinrich IV. Sie stirbt in Paris, kurz vor der dortigen Hochzeit ihres Sohnes mit Marguerite de Valois, der Schwester Karls IX.

Charlotte d'Arbaleste (1550-1606)

Sie ist die Gattin von Philippe Duplessis-Mornay und diesem in tiefer Liebe und gemeinsamem Glauben zugetan. Sie teilt seine politischen und religiösen Überzeugungen ohne Vorbehalt.

Catherine de Parthenay (1554-1631)

  • Catherine de Partenay (1554-1631), Herzogin von Rohan © Musée Rochelais d'Histoire Protestante

Die Erbin einer bedeutenden protestantischen Familie aus dem Poitou heiratet in zweiter Ehe den Vizegraf René de Rohan. Unter ihren fünf Kindern befindet sich Henri II. de Rohan, der nach dem Tod des Königs Heinrich IV. (1610) die politische und militärische Führung der Protestanten übernimmt.

Catherine erzieht ihre Kinder zum Stolz auf die Familie derer von Rohan und zur Treue zum reformierten Glauben, den sie in der heimatlichen Bretagne mit Nachdruck verbreitet.

Während der Belagerung von La Rochelle (1627-1628) harrt sie zusammen mit ihrer Tochter unter ihren eingeschlossenen Glaubensbrüdern aus. Sie befindet sich unter den fünftausend Überlebenden, wird jedoch in Niort ins Gefängnis geworfen und erst nach der Verkündung des Friedens von Alès (Juni 1629) wieder freigelassen. Sie stirbt 1631 im Schloß Soubise in der Nähe von Rochefort (im heutigen Département Charente-Inférieure).

Weitere Damen aus adligen Kreisen werden durch das Eintreten ihrer Gatten für die protestantische Sache in außergewöhnlicher Ereignisse verwickelt und beweisen dabei Tapferkeit und Glaubensstärke.

Claude du Chastel (1554-1587)

Sie ist eine überzeugte Protestantin, aber unsterblich in den Katholiken Charles de Goyon verliebt. Nach mancherlei Wechselfällen während der unruhigen Zeiten der Religionskriege und einer katholischen Heirat im Schloß Gaillon kehren die Eheleute in die Bretagne zurück und bekennen sich dort öffentlich zum reformierten Glauben.

Die Frauen während der Zeit der Verfolgung

  • Marie Durand (1711-1776) © S.H.P.F.

Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts und bis zum Widerruf des Edikts von Nantes (1685) und von da an während des 18. Jahrhunderts bis zum Toleranzedikt (1787) leiden die reformierten Gemeinden unter fortdauernder Unterdrückung und Verfolgung. Um ihre gesellschaftliche Stellung zu behaupten oder auch nur weiterhin ihrem Beruf nachgehen zu können, müssen sich die Männer zum Katholizismus bekehren. Damit fällt es den Frauen zu, den alten Glauben an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben und auf die Aufrechterhaltung protestantischer Werte zu achten.

Der Widerruf des Edikts von Nantes löst in vielen Ehegemeinschaften starke Spannungen aus : die Frau will am Glauben ihrer Kindheit festhalten, während der Mann bereit ist, diesen zu verleugnen.

Während des Aufstandes der Kamisarden halten Predigerinnen und Prophetinnen den religiösen und kämpferischen Eifer der Rebellen aufrecht.

Die vollkommenste Verkörperung der Treue zum reformierten Glauben ist jedoch zweifellos Marie Durand (1712-1776), die 38 Jahre lang im « Turm der Standhaftigkeit » [Tour de Constance] in Aigues-Mortes (im heutigen Département Gard) gefangen saß, weil sie den Übertritt zum Katholizismus verweigerte.

Der Einfluß der « Erweckung »

Vom Ende des 18. bis ins ausgehende 19. Jahrhundert wurden die französischen Protestanten von der Erweckung erfaßt, das heißt von einer Bewegung neuer Glaubensgewißheit und gesellschaftlichen Einsatzes. Die protestantischen Frauen engagieren sich im Bereich der Erziehung, der Wohltätigkeit und der Frauenbefreiung.

Sie entstammen häufig dem Bürgertum und leben in praktischer Nächstenliebe, wozu sie sich von der Wiedereingliederung der Protestanten in die Gesellschaft ermutigt sehen. Diese Frauen fordern die Teilhabe an der Öffentlichkeit und werden durch ihre Vereinsgründungen zur Vorhut einer Modernisierung der Erziehung, der Wohlfahrt und selbst der Politik.

Émilie Mallet, geb. Oberkampf (1794-1856) - ein Beispiel unter vielen

  • Frau Jules Mallet © S.H.P.F.

Eine große Persönlichkeit im Dienste der Kinder, der Kranken und der Gefangenen.

Ihr Vater ist Christophe Oberkampf, der Gründer der Tuchmanufaktur von Jouy ; ihr Schwiegervater ist Guillaume Mallet, der Geschäftsführende Direktor der Bank von Frankreich. 1826 gründet sie nach dem Vorbild der englischen Kinderschulen [Infant’s Schools] die ersten Horte [Salles d’asile] für Kleinkinder, die vornehmlich aus der Arbeiterschaft stammen. Aus diesen « Bewahranstalten » gehen später die Vorschulen [Écoles maternelles] für Kinder zwischen zwei und sechs Jahren hervor.

Während der beiden großen Cholera-Epidemien von 1832 und 1849 bringt sie bedrohte Kinder zunächst bei sich zu Hause und später in angemieteten Räumlichkeiten in Jouy-en-Josas in Sicherheit.

1838 ruft sie ein Hilfskomitee für die Sträflinge im Gefängnis von Saint-Lazare ins Leben und unterstützt den Aufbau des Liebeswerkes der Diakonissen, die Strafgefangene besuchen und sie später auf ihrem Weg in die Freiheit begleiten.

Émilie Mallet bleibt bei alledem eine vorbildliche Ehegattin und Mutter. In ihren vielfältigen Aktivitäten bekundet sie ihren durch die Erweckung gestärkten Glauben sowie die daraus entstehende Bereitschaft zu wohltätigem Einsatz, für den sie weitere Frauen aus ihren Kreisen heranzieht. Sie leitet damit einen Bewußtwerdungsprozeß ein, der von der « Ehrendame » zu der im Vereinsleben engagierten Frau führt.

Die gesellschaftliche Rolle der protestantischen Frau im 19. Jahrhundert

  • Frau Jules Siegfried © S.H.P.F.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts regen das angelsächsischen Vorbild und die Gesellschaftstheorien von Saint-Simon (1760-1825), der einen « humanitären Sozialismus » fordert, die protestantischen Frauen dazu an, im Rahmen der großen gesellschaftlichen Aufgaben Verantwortung zu übernehmen.

Hierzu gehört auch ihre Übernahme amerikanischer und schweizerischer Pläne zur Eindämmung der Prostitution.

Jenny d’Héricourt (1809-1875), Henriette de Witt-Guizot (1829-1908), die Gattin von Jules Siegfried (1848-1922) und andere sind in protestantischen Frauenvereinen tätig oder geben Zeitschriften heraus, die mit der Zeit immer mehr Gehör finden :

  • Die Société de la morale chrétienne [Verein für christliche Moral] hilft den Gefangenen von Saint-Lazare.
  • La voix des femmes ist eine feministische Tageszeitung, die die politische Gleichberechtigung von Männern und Frauen fordert.
  • Die Société pour l’émancipation des femmes [Verein für Frauenemanzipation] fordert die finanzielle Unabhängikeit der Frau durch eigene Berufstätigkeit und verschafft Frauen bezahlte Arbeitsstellen.

1884 wird in Paris die französische Sektion der 1877 in der Schweiz gegründeten « Vereinigung der Freunde und Förderer des jungen Mädchens » ins Leben gerufen, die gegen Prostitution und Mädchenhandel kämpft.

Alle diese von protestantischen Frauen unterstützten Aktivitäten führen zur Gründung des Nationalkongresses der Frauen [Congrès National des femmes]. Damit ist der entscheidende Schritt von mildtätigen Werken zu sozialer und politischer Aktion getan.

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