Die protestantischen Kirchen unter Ludwig XV.
(von 1724 bis 1760)

Unter Ludwig XV. blieben die protestantischen Kirchen weiterhin verboten und die Verfolgungen hörten nicht auf. Ihr Härtegrad hing jedoch von den Zeitläuften, den örtlichen Gegebenheiten und der persönlichen Haltung der königlichen Intendanten ab, die die Politik des Hofes in der Provinz durchzusetzen hatten.

Die Deklaration von 1724

  • Heirat in der Wüste, Druck von Samuel Bastide © Musée du Désert

Der Regent Philippe d’Orléans starb 1723 kurz nach der Volljährigkeit Ludwigs XV. (1710/1715-1774), der unverzüglich die gesamte antiprotestantische Gesetzgebung aus der Regierungszeit seines Vorgängers Ludwigs XIV. in einer Deklaration vom 14. Mai 1724 bekräftigte. Diese Deklaration löste bei den Protestanten große Bestürzung aus und ließ unter ihnen den Ruf nach einem bewaffneten Aufstand laut werden. Um eine solche Revolte zu verhindern, zog Antoine Court durch die Provinz, ermahnte seine Glaubensbrüder zur Ruhe und berief eine Synode ein, die seiner pazifistischen Haltung Nachdruck verlieh.

Die Deklaration bestand zunächst einmal nur auf dem Papier. Das sollte sich jedoch ändern, als der Kardinal und Bischof von Fréjus, Hercule de Fleury, 1726 von Ludwig XV. zum Regierungschef ernannt wurde. Es kam erneut zu Verhaftungen und Verurteilungen. 1730 entrissen Soldaten in Nîmes den Protestanten Bibeln, Psalmengesangsbücher und reformierte Andachtsschriften und verbrannten sie in aller Öffentlichkeit.

1732 wurde der Pastor Pierre Durand verhaftet und zum Galgen verurteilt. Diese Verfolgungen verhinderten jedoch nicht die weitere Ausbreitung der Untergrundkirchen, deren Betreuung nun Pastoren der zweiten Generation übernahmen. Aus dem Languedoc schwärmten Prediger und ausgebildete Pastoren in die Provinzen Guyenne, Rouergue und Poitou aus.

1729 floh Antoine Court, der von der Obrigkeit zur Fahndung ausgeschrieben worden war, nach Genf, wohin er seine Frau und Kinder bereits vorausgeschickt hatte. Schließlich ließ er sich mit seiner Familie in Lausanne nieder, wo er die Ausbildung der zukünftigen Pastoren der „Wüste“ am Predigerseminar von Lausanne in die Hand nahm. Er stand den französischen Untergrundgemeinden durch einen umfangreichen Briefwechsel bei und verteidigte unablässig die Notwendigkeit der Versammlungen der „Wüste“, die im Refuge noch immer heftig im Kreuzfeuer der Kritik standen, und bat überall um Hilfe für die verfolgten Glaubensbrüder. Er begann zu dieser Zeit eine Geschichte der Reformierten Kirche Frankreichs seit dem Widerruf des Edikts von Nantes zu verfassen, von der aber nur der Abschnitt über den Aufstand der Kamisarden gedruckt wurde. Sein umfangreiches Privatarchiv befindet sich heute in Genf : die „Court-Papiere“ (deren vollständige Auswertung noch immer auf sich warten läßt).

1744 - ein Jahr der Entspannung

Der Kardinal und Premierminister Fleury starb 1743. Im Rahmen des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740-1748) stellte sich Ludwig XV. gegen Österreich und führte ab 1744 auch einen See- und Kolonialkrieg gegen England. Die königlichen Truppen wurden aus dem Landesinnern an die Front abgezogen und es kam vorübergehend zu keinen Verfolgungen der Protestanten mehr. Im Languedoc versammelten sich die Protestanten bei hellichtem Tage, und der neue Gouverneur (Oberbefehlshaber) der Provinz, der Herzog von Richelieu, ließ sie gewähren. Die Protestanten begannen langsam zu glauben, daß endlich die Zeit der Toleranz angebrochen sei. Die Bürger und Edelleute, die sich bisher von den Versammlungen der „Wüste“ ferngehalten hatten, kamen nun herbei, um sich dort trauen und ihre Kinder taufen zu lassen.

Die Nationalsynode von Lédignan (1744), zu der Antoine Court extra nach Frankreich zurückgekehrt war, verbot den Pastoren unter anderem, in ihren Predigten und Ansprachen den Katholizismus anzugreifen. Dadurch sollte die katholische Geistlichkeit beschwichtigt und der Hof für die protestantische Sache eingenommen werden. Auch gab es den Plan, eine Bittschrift an den König und den Herzog von Richelieu zu adressieren, in der die Einführung der Glaubensfreiheit verlangt werden sollte.

Antoine Court wurde auf dieser Synode zum Generalbevollmächtigten bei den protestantischen Ländern ernannt ; er löste Benjamin Duplan ab, der diese Funktion seit der Synode von 1727 innehatte. Die Aufgabe des Generalbevollmächtigten bestand darin, in den Ländern des Refuge Geld einzusammeln, das zur Unterstützung der Kirchen in Frankreich und zum Unterhalt der Zöglinge des Predigerseminars von Lausanne gedacht war.

Die Wiederaufnahme der Verfolgungen

Schon 1745 spitzte sich sich die Lage wieder zu. Die Prälatenversammlung der katholischen Kirche Frankreichs (Assemblée du Clergé) forderte von der Regierung strengere Maßnahmen gegen das Abhalten von heimlichen Gottesdiensten. Le Nain, der neue Intendant des Languedoc, ließ härter als sein Vorgänger gegen die Protestanten durchgreifen. Im Dauphiné wurden zwei Pastoren hingerichtet : der junge Louis Ranc und der achtzigjährige Jacques Roger, der mehr als dreißig Jahre lang im Untergrund gewirkt hatte. Im Vivarais wurde ein junger Pastor hingerichtet, ein weiterer in der Saintonge.

1746 ließen die Verfolgungen etwas nach. Frankreich befand sich noch immer im Krieg, und der Hof wollte vermeiden, daß die einheimischen Reformierten aus Protest gegen ihre Unterdrückung mit den ausländischen Mächten paktierten. Derartige Befürchtungen waren allerdings unbegründet : die Protestanten blieben dem König treu ergeben. Nach dem Friedensschluß von Aachen (1748) kam es jedoch wieder zur Entführung von protestantischen Kindern sowie zu hohen Geldstrafen für Kommunalverwaltungen, die verbotene Versammlungen in ihren Mauern geduldet hatten ; wenn sie sich weigerten zu zahlen, erhielten ihre Städte die gefürchteten Truppeneinquartierungen.

1750 ließ der neue Intendant im Languedoc, Saint-Priest, die in der „Wüste“ getauften Kinder der Protestanten unter dem Schutz der Dragoner von katholischen Priestern nachtaufen. Wo sich die Eltern weigerten, ihre Kinder herauszugeben, kam es zu schrecklichen Szenen. Viele Protestanten verließen fluchtartig Haus und Hof und versteckten sich in den Wäldern. Da die Obrigkeit einen Aufstand befürchtete, wurden diese Nachtaufen 1752 in den Cevennen wieder eingestellt. Saint-Priest wurde von seinem Posten abberufen und der Herzog von Richelieu kam in den Languedoc zurück.

Von Lausanne aus rief Antoine Court die Protestanten Frankreichs dazu auf, ihre Versammlungen in der „Wüste“ vorsichtshalber bis auf weiteres nur bei Nacht und in überschaubarem Rahmen abzuhalten. Er veröffentlichte 1753 die Schrift Le patriote français et impartial [Der unparteiische französische Patriot], in der er unter Verweis auf die Geschichte darlegte, daß die französischen Protestanten dem König gegenüber immer treu ergeben gewesen seien ; die Versammlungen der „Wüste“ seien kein Zeichen von Ungehorsam ; die französischen Protestanten seien ehrenwerte Leute, die nur die Glaubensfreiheit verlangten.

Letzte Verfolgungen

  • Pastor Etienne Gibert © Maison du Protestantisme Charentais

Ab Ende 1752 fanden die Versammlungen wieder in alter Form statt, ebenso die Trauungen und Taufen in der „Wüste“. Die Protestanten begannen erneut Hoffnung zu schöpfen. Aber 1754 wurden dreißig Bataillone in den Languedoc verlegt und gingen gegen die Untergrundgemeinden vor : sie hefteten sich den Predigern und oft genug auch deren Frauen an die Fersen ; so sah sich zum Beispiel die Frau des Pastors Paul Rabaut dazu gezwungen, zwei Jahre lang in den Wäldern zu leben. Den Pastoren wurde freies Geleit zum Verlassen Frankreichs angeboten, aber die allermeisten bleiben bei ihren Gemeinden.

1756 wurde der Herzog von Richelieu im Languedoc von dem toleranteren Herzog von Mirepoix abgelöst. Dieser gestattete die Versammlungen unter der Bedingung, daß sie ohne großes Aufsehen abgehalten werden würden. Er korrespondierte sogar mit auf Ausgleich bedachten Pastoren wie Paul Rabaut. Da die Protestanten in der Saintonge auf Anregung des Pastors Louis Gibert ab 1756 Bethäuser (maisons d’oraison) eingerichtet hatten und dabei von der Obrigkeit weitgehend unbehelligt geblieben waren, versuchten die Protestanten im Languedoc nun ihrerseits, einige ihrer zerstörten Tempel wieder aufzubauen. Aber die Soldaten griffen sofort ein und machten alles dem Erdboden gleich.

Währenddessen hielten die Verfolgung im Umland von Agen und Orthez sowie in der Guyenne, im Béarn und im Dauphiné an. Es handelte sich dabei aber nicht mehr um flächendeckende Maßnahmen, sondern eher um gezielte Einschüchterungsversuche.

Wenn es auch noch am 6. Februar 1762 in Toulouse zur öffentlichen Hinrichtung des Pastors François Rochette kam, so sind sich die Historiker doch weitgehend darüber einig, daß sich 1760 eine neue, tolerantere Haltung gegenüber den Protestanten abzuzeichnen begann. Zu jener Zeit gab es in Frankreich mehr als fünfzig aktive Pastoren der „Wüste“. Die Regierung ließ endgültig die Hoffnung fahren, die Protestanten wirksam bekehren zu können. 1760 ist auch das Jahr des Abtretens jenes Mannes, dem die heimliche Wiedereinrichtung der Kirchen in der Zeit der „mutigen Wüste“ zu verdanken war : am 15. Juni 1760 verstarb Antoine Court nach langer Krankheit in Lausanne.

Bibliographie

  • Bücher
    • CARBONNIER-BURKARD Marianne et CABANEL Patrick, Une histoire des protestants en France, Desclée de Brouwer, Paris, 1998
    • HUGUES Edmond, Antoine Court. Histoire de la restauration du protestantisme en France au XVIIIe siècle, M. Lévy, Paris, 1872

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