Die protestantische Protestbewegung

Der französische Protestantismus hat sich an den großen Debatten, die den zweiten Teil des 20. Jahrhunderts bestimmt haben, beteiligt. Die Protesthaltung mancher Protestanten in den 1960er Jahren wird in dem Kampf für die Entkolonisierung und der Kritik an der Gegenwartsgesellschaft deutlich.

Die Entkolonisierung

  • Eglise et Pouvoir: Bulletin 165 du CPED, Dezember 1971 © Collection privée

Der Rat der ERF, die Regional- oder Nationalsynoden sprechen sich bei zahlreichen Anlässen zugunsten einer Entlassung der verschiedenen Kolonien in die Unabhängigkeit aus. Bereits 1947 verurteilen sie die in Madagaskar – diesem alten protestantischen Missionsland – verübten Gewalttaten : „wir lehnen die Nazimethoden ab“ („nous refusons les méthodes nazies“) ist in der Zeitschrift Le Semeur oder in Foi et Vie zu lesen.

In Bezug auf Algerien folgen die Protestanten mehrheitlich den Stellungnahmen ihrer Vertreter. 1957 beschwört die Fédération Protestante de France die staatlichen Instanzen, den in Algerien angewandten Methoden ein Ende zu machen. Die Fragen von Folter, Nichtbefolgung des Einberufungsbefehls, Kriegsdienstverweigerung aus Gewissengründen werden offen angesprochen. Unter denen, die 1960 ihrem Einberufungsbefehl nicht Folge leisten, sind zahlreiche junge Protestanten, und Pfarrer Etienne Mathiot, ein ehemaliger Widerstandskämpfer, der von der Gestapo verfolgt wurde, wird im März 1958 zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er einem algerischen Verantwortlichen Unterkunft gewährt und zur Flucht in die Schweiz verholfen hat.

Kritik an der Gegenwartsgesellschaft

Gegenüber den tief greifenden Umwälzungen, mit denen sich die französische Gesellschaft konfrontiert sieht, nehmen manche eine kritische Stellung ein, andere wiederum sind mehr pragmatisch. Wenn einerseits „zu Beginn der 1960er Jahre ein Teil der Leitungsinstanzen des französischen Protestantismus den Eindruck erweckt, sich in einer Art revolutionärem Überschwang, zwischen Theologie und Marxismus, mitreißen zu lassen“ („au début des années 1960, une partie des instances dirigeantes du protestantisme français donne l’impression de céder à une sorte d’emballement révolutionnaire, entre théologie et marxisme“) (P. Cabanel), so macht Jacques Ellul 1963 ironische Bemerkungen über diese Christen, die „keine andere Möglichkeit sähen, in der Welt präsent zu sein, als ein Engagement in der Politik und der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft“ („ne verraient pas d’autre possibilité d’être présents au monde que de s’engager dans la politique ou de faire partie d’un syndicat“).

Im Juli 1966, nach den großen Krisen in der Entkolonisierung, treffen sich auf der internationalen Konferenz „Kirche und Gesellschaft“ Vertreter der westlichen und der Dritten Welt. Die französischen Delegierten sind André Philip, André Dumas, Jacques Ellul, Claude Gruson. Es wird von der Notwendigkeit einer „Revolutionstheologie“ (nach dem Beispiel der in Lateinamerika entstandenen Bewegung) gesprochen. Manche sehen im Christentum eine revolutionäre Berufung, und viele junge Pfarrer oder Theologiestudenten verzichten auf eine Stelle im Gemeindedienst, um sich medizinisch-sozialen oder intellektuellen Aufgaben zu widmen.

Im Mai 1968 erreicht der studentische Linksradikalismus seinen Höhepunkt, und einige markante protestantische Persönlichkeiten unterstützen ihn. Georges Casalis, Barthianer und ehemaliger Widerstandskämpfer, verkündet in seiner Rundfunkpredigt vom 19. Mai : „die Utopie, die die Straße antreibt, ist der Name einer neuen Spiritualität“ („l’utopie qui motive la rue est le nom d’une spiritualité nouvelle“) und : die Schlagworte des Mai 68 „enthalten eine Vielzahl von Zeichen, Hinweise und Anklänge an das Evangelium(“ contiennent une multitude de signes, de rappels et d’échos de l’Évangile“).

1969 befasst sich die Generalversammlung der Fédération Protestante de France mit dem Thema „Welche Entwicklung und für welchen Menschen ?“ („Quel développement et pour quel homme ?“). Eine der Schlussresolutionen sieht die Bildung einer Reflexionsgruppe aus Pfarrern und Laien vor ; ihr Vorsitzender ist Claude Gruson. Im November 1971 veröffentlicht die Gruppe das Dokument „Églises et pouvoirs“ („Kirchen und Macht“), worauf die Zeitung Le Monde schreibt : „die Fédération protestante de France hält die gegenwärtige Gesellschaft für unakzeptierbar“ (“ la Fédération protestante de France juge la société actuelle inacceptable“). Dieses Dokument wird in der protestantischen Gemeinschaft sehr unterschiedlich aufgenommen, und einige konservative Strömungen stellen sich dagegen, wie es die gegen den Willen der Fédération Protestante de France erfolgte Gründung der Freien theologischen Fakultät Aix-en-Provence zeigt.

In den darauf folgenden Jahren besänftigt sich das polemische Klima. Mit den Fortschritten der Ökumene werden bestimmte Debatten durch Reflexionsgremien abgelöst, wie die Kommission „Justice et Paix“ („Gerechtigkeit und Frieden“), das Centre de Villemétrie und einige europäische Gremien. Vor dem Hintergrund weltweiter wirtschaftlicher Umbrüche sind diese Debatten weniger medienträchtig ; Was von manchen als „linksradikal angehauchter Protestantismus“ („protestantisme  gauchisant“)  bezeichnet wurde, ist jetzt überholt ; das protestantische Engagement scheint nunmehr vorwiegend „reformistisch“ orientiert.

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