Panorama
von der protestantische Presse
im 19. Jahrhundert

Im Ganzen bietet sich ein Bild von reicher Vielfalt.

Eine protestantische Presse und protestantische Zeitschriften mit landesweiter Ausstrahlung

  • Revue Chrétienne unter der Leitung von John Vienot, Faculté libre de Théologie de Paris, 1854-1926 © S.H.P.F.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wenden sich Zeitungen und Zeitschriften vor allem an die gebildete Schicht und die Notabeln (angesehene Persönlichkeiten der bürgerlichen Oberschicht). Die protestantischen Publikationen stellen keine Ausnahme von dieser Regel dar. In ihrem Fall handelt es sich vor allem um Zeitschriften (jährlich, halbjährlich, vierteljährlich erscheinend). Die ihrem Einfluss und ihrer Dauer nach wichtigsten waren :

  • Les Archives du Christianisme : 1818 von Pastor Juillerat-Chasseur gegründet,
  • Les Annales protestantes : 1819 von Pastor Charles Coquerel gegründet.

Zu diesen Pariser Zeitschriften kommen hinzu :

  • Les mélanges de religion, de morale et de critique sacrée : 1820 in Nîmes von Pastor Samuel Vincent gegründete Zeitschrift, die 1834 von der von ihm selbst geleiteten Religion et Christianisme abgelöst wurde, und Le Semeur : eine 1839 von Henri Lutteroth gegründete Zeitschrift,
  • Christliche Mitteilungen : Sie wurden 1821 von Pastor Kraft in Straßburg gegründet.

Bis zur Julimonarchie tendieren die in diesen Zeitschriften veröffentlichten Artikel eher zur Erweckungsbewegung, aber nach 1830 beteiligen sich auch die Liberalen aktiv an dieser Form der Kommunikation und Information.Die Medien werden vielseitiger.

Zum einen entstehen neue Zeitschriften :

  • Le protestant  : 1831 von Charles Coquerel gegründet
  • L’Évangéliste : 1837 von Ferdinand Fontanès gegründet
  • Le Disciple de Jésus-Christ : 1839 von Joseph Martin Paschaud gegründet,
  • Die Revue de théologie et de philosophie chrétienne, auch Revue de Strasbourg genannt : 1850 von Edmond Scherer und Timothée Colani gegründet,
  • Die Revue chrétienne : 1854 von Edmond de Pressensé gegründet,
  • Die Revue théologique : 1874 von der Theologischen Fakultät in Montauban gegründet,
  • Bulletin de la Société d’Histoire du Protestantisme français : 1852 gegründet.

Zum anderen kommt ein neues Interesse auf für die eigentlichen Pressemedien, wie Monats- und Wochenzeitschriften, Tageszeitungen, die sich mit dem Tagesgeschehen befassen und auseinandersetzen (Leitartikel), sowie Informationen bieten, die sich mehr an eine protestantische Leserschaft wenden (Berichte über verschiedene kirchliche Zusammenkünfte), einschließlich Nachrufen. Titel wie Espérance (1838), Lien (1841), Voix nouvelle (1846 von einem methodistischen Pastor, Philippe Boucher, gegründet), Signal (1879 von Pastor Eugène Réveillaud, einem ehemaligen, zum Protestantismus konvertierten Priester gegründet) spiegeln die Vielfalt der Interessen der französischen protestantischen Leserschaft wider.

Allen diesen Information und Reflexion verbindenden Periodika war nicht der gleiche Erfolg beschieden, aber die Dynamik der Entwicklung lässt sich nicht übersehen und findet ihren Niederschlag in den Wandlungsprozessen bei den verschiedenen Titeln, in Fusionen, in einer immer zahlreicheren Leserschaft.

Eine aktive religiöse Lokalpresse

Von der Julimonarchie an entwickelt sich neben den Titeln mit landesweiter Leserschaft auch eine religiöse Lokalpresse :

  • Le Catholique apostolique et non romain : 1839 von Pastor Cambon für die Südwestregion gegründet,
  • Le Réveil : 1839 von Pastor Macé für den Raum Montpellier gegründet,
  • La Sentinelle : 1834 von Pastor Meynadier in Valence gegründet,
  • L’Observateur évangélique in Poitiers.

Diese spezielle Sparte hat die Schikanen, denen sie in der autoritären Phase des Zweiten Kaiserreichs ausgesetzt war, nicht immer überlebt.

Zeitschriften und Periodika in Verbindung mit den protestantischen Wohltätigkeitseinrichtungen

Beachtung verdienen auch die periodischen Blätter, die im Zusammenhang stehen mit der Entwicklung der protestantischen Wohltätigkeitseinrichtungen. Sie werden gegründet, um die Anliegen und Bedürfnisse dieser Einrichtungen besser bekannt zu machen :

  • Das Journal des Missions évangéliques, das 1826 unter der Ägide der „Maison des Missions évangéliques de Paris“ gegründet wurde, und seine Ergänzung, der Petit Messager des Missions, aus dem Jahr 1844,
  • La Chambre haute, die 1870 auf Initiative der Alliance évangélique für den Einzugsbereich Gard gegründet wurde und zu der 1890 der Étendard évangélique für das Verbreitungsgebiet Charentes hinzukam,
  • L’Ami de la maison ist ab 1874 das halboffizielle Organ des Croix Bleue (Blaues Kreuz),
  • Le Magasin des Écoles du Dimanche (1851), das 1888 vom Journal des Écoles du Dimanche abgelöst wird : beide sind mit der Société des Écoles du Dimanche (Gesellschaft der Sonntagsschulen) verbunden.

Erbauungsblätter

Zu diesen Presseprodukten kommen noch die Erbauungsblätter hinzu, die auf Initiative von Pastoren oder Pastorenfrauen gegründet wurden. Das bekannteste ist L’Ami chrétien des familles, das 1858 von lutherischen Pastoren gegründet wurde. Madame Sabatier, Madame Decoppet, Madame Puaux bildeten zusammen mit der Frau des Ökonomen Jules Siegfied und der Frau des Historikers Charles Seignobos das sehr aktive Redaktionskomitee der 1878 gegründeten Zeitschrift La Femme.

Die vertraulichen Pastoralkorrespondenzen

Als Folge der theologischen Gegensätze zwischen Pastoren, die während eines Großteils des 19. Jahrhundert Wirklichkeit waren – und solange es nicht möglich war, eine landesweite Synode einzuberufen -, entstanden interessante Verbindungsbulletins, die große Bedeutung erlangten. Sie werden im Allgemeinen als „Korrespondenzen“ bezeichnet, weil sie meistens handgeschrieben waren, keine regelmäßigen Rubriken hatten und in der Form von Briefen abgefasst waren, die von einem “ zentralen Korrespondenten“ zur Verbreitung in einem erweiterten Kreis aufbereitet wurden. Der Ton dieser Korrespondenzen ist erstaunlich frei.

Die zeitlich erste „Korrespondenz“ ist die Correspondance Frontin, die nach dem (der evangelikalen Glaubensrichtung zugehörigen) Pastor benannt ist, der unter der Julimonarchie sein Amt in Dijon ausübte. Der Pastor Benjamin Vaurigaud (der der gleichen Glaubensrichtung angehörte und von 1861 bis 1870 in Nantes tätig war) initiierte ebenfalls eine Correspondance évangélique. Nach der Unterbrechung durch den Krieg von 1870 wurde diese Korrespondenz 1877 von Pastor Monbrun für kurze Zeit wieder aufgenommen. Zu diesen „Korrespondenzen“  aus der Erweckungsbewegung kamen rasch liberaler ausgerichtete „Korrespondenzen“ hinzu, wie die Correspondance fraternelle, auch Correspondance Fontanès genannt, die zwischen 1839 und 1848 sehr regelmäßig herauskam und die von der Correspondance Cruvellié und von 1852 bis 1855 von der Correpondance Montandon abgelöst wurde (leider gibt es von den drei Letzteren keine vollständige Sammlung mehr).

Autor: Patrick Harismendy

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