Die Protestanten
und das Wirtschaftsleben

Sehr rasch nach der Reformation übernahmen die Protestanten Aufgaben von kollektiver, ja sogar öffentlicher Verantwortung, deren Wirkung bedeutsam ist, ob es sich nun um den Hochschulbereich oder das Wirtschaftsleben handelt.

Die Protestanten als Unternehmer

  • Peugeot- Motoremontagewerkstatt, Audincourt © Collection privée

Was die Hochschulen betrifft, so haben sie (in den angelsächsischen Ländern vom 18. Jahrhundert an) zu ihrer Modernisierung beigetragen, wobei es ihr Anliegen war, einen technischen Unterricht einzuführen.

Was das Wirtschaftsleben betrifft, so haben sie offensichtlich ihren Teil zur Entwicklung des modernen westlichen Industriekapitalismus beigetragen – modern, weil er auf der rationellen Organisation der Arbeit beruht.

In Frankreich muss man nur, bereits vom 17. Jahrhundert an, an die großen Namen in der Handelsmarine und im Schiffsbau denken (an jene, die sich gegen die Pläne der Monarchie wandten, die darauf abzielten, vom Erreichten zu profitieren, um eine militärische Flotte zu schaffen) und im 19. Jahrhundert an viele Industriekapitäne im Bereich der Textil- und Wollindustrie, der aufkommenden Eisen- und Stahlindustrie oder der Geschäftsbanken, die entscheidende industrielle Innovationen durch ihre Kreditpolitik förderten (Oberkampf, Schlumberger, Peugeot, de Dietrich, Hottinguer, Odier, Bungener, Courvoisier, Mallet, Haviland, Vieljeux, Delmas etc., mit zahlreichen Verbindungen untereinander). Ganz allgemein gesehen hatten die Protestanten große industrielle Erfolge in Deutschland, den Niederlanden, England, wo die industrielle Revolution begann (der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith hatte, wie man weiß, eine Ausbildung als Theologe) und natürlich in den Vereinigten Staaten.

Soll das bedeuten, dass es eine spezifisch protestantische Kompetenz für die Entwicklung dieser Art von Verantwortung gegeben hätte, eine Kompetenz, die auf der Führung eines asketischen Lebens beruht, welches eine der Vorbedingungen für die weltlichen utilitaristischen Lehren war, die immer noch in Kraft sind (aber in einer komplexeren Welt, in welcher sich der Abenteuerkapitalismus gewisse Rechte wieder zu eigen gemacht hat) ?

Max Webers soziologische Erklärung

  • Max Weber (1864-1920) © Collection privée

So lautet, wie man weiß, die These des deutschen Soziologen Max Weber (1864-1920), die er in seinem Buch ‚Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus‘ darlegt.

Natürlich zog Max Weber nie eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen der Reformation und der industriellen Entwicklung der modernen Gesellschaften in Erwägung ; er wies eher auf eine Wahlverwandtschaft zwischen dem Protestantismus und dem modernen Kapitalismus hin, der von der Neuformulierung der Heilsproblematik, wie sie die Reformation vorgestellt hatte, befruchtet wird.

Natürlich dachte Max Weber auch nie, dass der Kapitalismus mit der Reformation entstanden sei. Der Kapitalismus ging ihr voran, aber unter anderen Formen, spekulativeren, abenteuerlicheren, gewaltsameren (Kriege).

Die These des Soziologen beruht zuerst auf der Problematik des Handelns, deren Gegebenheiten er über die lange Zeit vom antiken Judaismus (dem Beginn des Monotheismus) bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht ; die ersten Anzeichen eines Willens rationell zu handeln in den westlichen Klöstern, die weltferne Askese betreiben, werden auch in ihrer Entwicklung dargestellt.

Eine Ethik der spezifischen Arbeit

Mit der Reformation, welche die Prädestinationslehre wiederbelebt, wird die Askese zu einer Verhaltensforderung – nicht mehr weltfern, sondern in der Welt. Max Weber zeigt nicht die theologische Problematik der Vorbestimmung auf. Er beschränkt sich auf gewisse Auslegungen ; in diesem Fall die Idee einer göttlichen Verfügung, die der Geburt eines einzelnen Menschen vorausgeht, einer Verfügung, die festlegt, wie es um das Heil dieses Menschen bestellt ist.

Diese Interpretation bedeutet jedenfalls, dass die Sicherheit des Heils nicht mehr mit den Begriffen der Welt ausgedrückt werden kann, also durch keine menschliche Institution, deren Normen man sich dann beugen müsste, bestimmt werden kann. Anders ausgedrückt erwirbt man das Heil nicht durch die Werke. Hingegen wird gefordert, die Anzeichen für eine Bestätigung der eventuellen Wahl in einer immer wieder neu zu bewertenden Arbeit zu suchen, eine Bestätigung, die jedoch immer wieder in Frage gestellt werden kann.

Es ist daher wichtig, das Handeln von einer vorangehenden Reflexion und einem ethischen Bemühen in der Welt abhängig zu machen, damit der Ruhm Gottes zum Strahlen gebracht werde. Die Früchte der Arbeit sind von jeglichem sichtbaren, persönlichen Ruhm unabhängig. Wie es auch gewesen sein mag, die weltliche protestantische Arbeitsethik hat sich sicher jene Ethik zu eigen gemacht, die sich fern von der Welt in den westlichen Klöstern entwickelt hatte (und die oft von der etablierten Kirche stark kritisiert wurde). Sie hat auf jeden Fall Prinzipien der Rationalisierung des Handeln begünstigt, die in den großen Mönchsorden umgesetzt wurden.

Die Faktoren des wirtschaftlichen Erfolgs

  • Maschine für Stoffdruck in den Werkstätten von Dollfuss-Mieg © Collection du Château de Coppet

Die protestantischen Unternehmen, die erfolgreich waren und eine starke Wirkung hatten, übernahmen alle, als sie über das in Angriff zu nehmende Werk nachdachten, von Anfang an rationelle Prinzipien. Diese Prinzipien wurden als für ihren Erfolg ausschlagend anerkannt.

Diese Unternehmen gründeten sich auf :

  • eine rationelle Organisation der Arbeit
  • eine rationelle Buchhaltung
  • eine rationelle Suche nach gewinnträchtigen Märkten
  • eine rationelle Verwendung der Produktionswerkzeuge, der Versuch, sie zu verbessern, und die Förderung des technischen Fortschritts ;
  • eine strenge Trennung des Industrieeigentums vom persönlichen Besitz.

Sie haben so dazu beigetragen, dass der gewaltsame Ruck des lange bestehenden spekulativen Kapitalismus vermieden wurde und dass es – durch diese Regulierung – zu einer Dynamik der gesellschaftlichen Entwicklung kam.

Eine Organisation, die sich außerhalb der protestantischen Welt entwickelt

Nach dem Erfolg der großen protestantischen Unternehmen in Frankreich wurden oft Verbindungen mit Katholiken eingegangen, weil der Protestantismus in der Minderheit war. Diese Verbindungen kamen jedoch zu einem Zeitpunkt auf, als die Prinzipien der rationellen wirtschaftlichen Entwicklung völlig weltlich geworden waren und meistens auf die utilitaristischen Theorien zurückgingen, die, wenn sie auch oft von den Protestanten eingeführt wurden, Eigenständigkeit erlangt hatten ; von da an kamen andere Probleme auf.

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