Die praktische Ausübung
des Glaubens

Die praktische gemeinschaftliche Ausübung des Glaubens findet für die Reformierten in der Kirche statt. Die Gemeindemitglieder gehen dort hin zur Predigt, zur Feier der Sakramente und zum Katechismus. Im Mittelpunkt der praktischen Religionsausübung im privaten oder familiären Kreis stehen das Lesen der Bibel und das Singen von Psalmen.

Die reformierten Kirchen

  • Reformierte Kirche in Charenton (Innenansicht) (94) © S.H.P.F.

Als die Zeiten des Untergrunds und der Kriege vorbei waren, begannen die reformierten Gemeinden, Gebäude für ihren Gottesdienst zu bauen, wie es ihnen das Edikt von Nantes erlaubte. 1620 gibt es rund 760 reformierte Kirchen, jedoch dem Edikt von Nantes entsprechend selten in größeren Städten. Es handelt sich um Bauwerke, die für die Predigt bestimmt sind. Die größte reformierte Kirche ist die von Charenton, die von Salomon de Brosse für die Pariser Gemeinde errichtet wurde. Für die Gläubigen der großen Städte wird der Gang zur Kirche oft zu einer wahren Expedition.

Die Predigt

  • Protestantischer Pastor bei der Predigt, von Petrus Hieronimus Glandius © Collection privée

Die Predigt entspricht dem, was die Reformierten heute Gottesdienst nennen.

In seiner Predigt behandelt der Pfarrer stets einen Bibeltext aus der Genfer Bibel (einer Überarbeitung der Bibel von Olivétan durch die Pfarrer und Professoren von Genf von 1588).

In der Regel wird Sonntag um Sonntag ein Buch der Bibel von Anfang bis Ende gelesen und kommentiert.

Die Predigt findet am Sonntagvormittag statt, aber auch ein- oder zweimal unter der Woche, je nach Gemeinde.

An Fastentagen finden drei „Predigten“ in der Kirche statt

Die Fastentage

Bis zum 18. Jahrhundert gab es bei den Reformierten eine Tradition, die seither nicht mehr praktiziert wird : die Fastentage. Bei Verfolgungen, Kriegen, Pestepidemien, Hungersnöten oder anderen Heimsuchungen wurde ein Fastentag angeordnet. Es gab :

  • allgemeine Fastentage, die von der Nationalsynode beschlossen wurden ; diese mussten von allen Kirchen am gleichen Tag eingehalten werden ;
  • Fastentage im Bereich einer Provinz, die von der Provinzialsynode beschlossen wurden ;
  • besondere Fastentage, die vom Konsistorium einer Kirche beschlossen wurden und denen sich weitere Kirchen anschließen konnten .

Am Fastentag isst man wenig, die Geschäfte sind geschlossen, jegliche Arbeit ist untersagt. Man nimmt an drei Gottesdiensten hintereinander in der Kirche teil (das Lesen von Psalmen und der Propheten steht im Vordergrund).

Die Sakramente : Taufe und Abendmahl

  • Méreau © S.H.P.F.

Der Protestantismus kennt nur zwei Sakramente : Taufe und Abendmahl.

Es gilt die Taufe der Kinder, diese wird in den auf die Geburt folgenden Tagen, eventuell Wochen, vorgenommen. Der Pfarrer vollzieht die Taufe in einem öffentlichen Gottesdienst. Das Konsistorium führt Taufregister, die den Reformierten als Personenstandsbücher dienen.

Das Abendmahl, zum Gedenken an das letzte Mahl Christi und damit auch an seinen Tod und seine Auferstehung, wird verstanden als eine im Glauben empfangene geistige Nahrung und als Ermahnung zu brüderlicher Liebe. Es wird viermal jährlich an einem Sonntag gefeiert (an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und im September oder Oktober). Aus praktischen Gründen, wegen des Andrangs und um allen die Teilnahme zu ermöglichen, fanden die Abendmahlsfeiern im Allgemeinen an zwei Sonntagen hintereinander statt. Bei der Spendung des Abendmahls wird nach der kirchlichen und sozialen Hierarchie vorgegangen. So nehmen es die Pfarrer als Erste ein, anschließend die Mitglieder des Konsistoriums, sodann die städtischen Behörden in den protestantischen Städten, dann die Gemeindemitglieder, und zwar zuerst die Männer und dann die Frauen. Die Gläubigen treten je zu zweit vor und stellen sich um den Abendmahlstisch herum auf. Nach dem Abendmahl und dem Segen gehen sie auseinander, und eine neue Gruppe tritt vor.

Um am Abendmahl teilzunehmen, müssen die Gläubigen einen „méreau“ vorweisen, eine Marke, die besagt, dass ihr Besitzer die Voraussetzungen für die Teilnahme am Abendmahl erfüllt. Die Teilnahme am Abendmahl konnte bei jedem Verstoß gegen die Kirchenordnung, auf die keine Reuebekundung folgte, ausgesetzt werden. Diese Zulassung zum Abendmahl musste man sich beim Ältesten seines Viertels holen. Ab 1640 dient der „méreau“ auch dazu zu kontrollieren, dass der Inhaber ein Reformierter ist. Denn wenn ein Katholik oder ein „Rückfälliger“ am Abendmahl teillnähme, könnte dies zum Vorwand genommen werden, um die Kirche zu schließen. Die Ältesten mussten sehr wachsam sein. Wenn jemand aus einer anderen Gemeinde kommt, muss er ein Schreiben seines Konsistoriums mitbringen.

Kinder sind ab 12 Jahren zum Abendmahl zugelassen.

Ab dem Beschluss der Nationalsynode von Charenton 1631 sind Lutheraner, die es wünschen, zum reformierten Abendmahl zugelassen.

Weitere Feiern

  • Taufregister des Temples von Quevilly, Rouen (1619-1624) © SHPF

Die Ehe ist kein Sakrament, aber die Eheschließung wird in der Kirche in einem öffentlichen Gottesdienst gesegnet. Die Ankündigung muss an drei aufeinander folgenden Sonntagen in der Kirche erfolgen. Die Konsistorien führen Heiratsregister.

Die Zeremonie der Abschwörung des römischen Glaubens ist in der ersten Hälfte des Jahrhunderts mit einer gewissen Feierlichkeit verbunden. Katholiken, die zum reformierten Glauben übertreten, werden nicht erneut getauft. Im Allgemeinen erfolgt die Abschwörung seines römischen Glaubens nach einer langen Vorbereitung des Kandidaten und der Prüfung seiner Beweggründe und Kenntnisse öffentlich in einem Gottesdienst am Sonntag

Bereits ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts finden Abschwörungen aus Gründen der Vorsicht manchmal nicht mehr in einer öffentlichen Zeremonie in der Kirche statt, sondern nur noch vor dem Konsistorium oder in einer Gemeinde, die vom Wohnort weit entfernt ist.

1633 untersagt ein königliches Edikt Priestern und Ordensangehörigen den Übertritt. Ein weiteres Edikt verbietet 1680 sämtlichen Katholiken den Übertritt. 1683 verurteilt ein Edikt Pfarrer, die einen Übertritt entgegennehmen.

Bestattungen

Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert unterscheiden sich Reformierte von Katholiken bei Todesfällen durch das Fehlen jeglicher öffentlicher Zeremonie in der Kirche oder auf dem Friedhof. Die Kirchenordnung der Reformierten will so gegen Aberglauben und Gebete für die Toten ankämpfen.

Kirchenordnung und Synoden ermahnen zu großer Einfachheit bei den Beerdigungen. Die königlichen Dekrete helfen ihnen dabei, dadurch dass sie Leichenzüge von mehr als 30 Personen und öffentliche Ermahnungen (Februar 1669) verbieten.

Der Katechismus

  • Katechismus von Drelincourt © SHPF

An den Sonntagnachmittagen kommen Kinder und Erwachsene in der Kirche zum Katechismusunterricht zusammen.

Es gibt zahlreiche Lehrbücher, offizielles Lehrbuch ist der Katechismus von Calvin von 1542.

Um die Jahrhundertmitte erscheint die Sprache dieses Katechismus jedoch als „veraltet“. Dies führt zur Entstehung zahlreicher weiterer Katechismen, unter denen der von Charles Drelincourt (1642) der bekannteste ist. Sie sollen den Katechismus von Calvin nicht ersetzen, sondern sind eher dazu bestimmt, von den Gläubigen gelesen zu werden.

Vor jeder Abendmahlsfeier findet ein Unterricht im „Großen Katechismus“ statt, in dem die Lehre rekapituliert wird. Vorbedingung für den Zugang zum Abendmahl ist nämlich das Verständnis der Lehre, denn die Kommunion ist in gewisser Weise ein sich in einer Handlung ausdrückendes Glaubensbekenntnis.

Die praktische Religionsausübung im privaten oder familiären Kreis

  • Bibellesen © S.H.P.F.

Der Familiengottesdienst am Morgen und Abend ist bei den Reformierten allgemein üblich. Unter der Leitung des Familienvorstands (manchmal in den Häusern des Adels unter der Leitung des örtlichen Pfarrers) versammelt er Eltern, Kinder und Dienstpersonal. Er besteht aus einem kurzen Gebet, der Lesung eines oder mehrerer Kapitel der Bibel und dem Singen eines Psalms. Außerdem wird vor der Mahlzeit das Tischgebet und nach der Mahlzeit das Dankgebet gesprochen.

Bibliographie

  • Bücher
    • FELICE Paul (de), Les protestants d’autrefois, Fischbacher, Paris, 1897-1901, Tome 4
    • WOLFF Philippe (dir.), Histoire des Protestants en France de la Réforme à la Révolution, Privat, Toulouse, 2001

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