Die Kamisarden

Zwei Jahre lang hielten kleine Handwerker und Bauern die Truppen von Louis XIV., eine der besten Armeen Europas, in Schach und boten zwei Marschällen Frankreichs die Stirn. Für den König und die europäischen Mächte war das unbegreiflich.

Der Ausdruck ‚Kamisarden'

  • Steile Wege im Umland von Barre-des-Cévennes © N. Mercier

Der Name ‚Kamisarden‘ (frz. : camisards), der den Aufständischen von ihren Gegnern verpasst wurde, geht vermutlich auf einen der folgenden Ausdrücke zurück :

  • camiso, das okzitanische Wort für Hemd (frz. : chemise) : die Kamisarden trugen im Kampf helle Hemden über ihrer normalen Bekleidung, um sich untereinander erkennen zu können ;
  • camus, das okzitanische Wort für Weg (frz. : chemin) : dank ihrer genauen Kenntnis der Cevennen nahmen die Kamisarden oft verschlungene Wege, um den königlichen Truppen in den Rücken zu fallen.

Die Aufständischen nannten sich jedoch niemals selbst ‚Kamisarden‘, sondern ‚Kinder Gottes‘.

Von denjenigen Katholiken und Protestanten, die den bewaffneten Aufstand ablehnten, wurden sie auch ‚Fanatiker‘ genannt.

Zu dieser Zeit verstand man unter ‚Cevennen‘ nicht nur das bergige Hochland, sondern auch die sich im Süddosten daran anschließende Ebene. Im 18. Jahrhundert war der Ausdruck ‚Kamisardenaufstand‘ noch nicht üblich ; man sprach vom ‚Krieg in den Cevennen‘.

Wer waren die Kamisarden ?

Zu 42% waren die Kamisarden Bauern aus den Cevennen ; 58% waren ländliche Handwerker, von denen die meisten (3 Viertel) in der Wollverarbeitung als Wollkratzer, Wollkämmer und Weber tätig waren.

Unter den Kamisarden befand sich kein einziger Edelmann, das heißt jemand, der die Regeln des Waffenhandwerks beherrscht hätte. Diese Abwesenheit des Adels an der Spitze des Aufstandes hat die Zeitgenossen sehr erstaunt : sie vermuteten (zu unrecht), daß protestantische Edelleute aus dem Refuge in die Cevennen zurückgekehrt seien, um als ‚Drahtzieher‘ die Operationen der Kamisarden zu leiten. Jean Cavalier, einer der ruhmreichsten Kamisardenführer, war vorher ein einfacher Bäckerbursche.

Die Kamisarden bildeten keine einheitliche Armee und waren keinem einheitlichen Kommando unterstellt. Sie schlossen sich zu kleinen, regional operierenden Trupps zusammen. Ihre Anführer planten die künftigen Unternehmungen und führten diese zusammen mit ‚Freizeitkämpfern‘ aus den Cevennen durch.

Die Kamisardenführer

  • Jean Cavalier, Kamisardenanführer, Gemälde von Pierre-Antoine Labouchère © G280 - Musée du Désert

Die meisten Kamisardenführer waren noch sehr jung. Cavalier war 21, als er die Führung eines Trupps übernahm ; Rolland war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt.

Ihre Trupps waren kleine, unabhängig voneinander vorgehende Einheiten, die sich ihre Kampfgebiete in den Cevennen untereinander aufteilten.

Der Bougès und der Mont Lozère, wo der Aufstand begonnen hatte, wurden von Gédéon Laporte und danach gemeinsam von Salomon Couderc und Abraham Mazel (1677-1710) kontrolliert.

In der Gegend um den Mont Aigoual übernahm Henri Castanet (1674-1705) die Führung ; vor dem Aufstand war er dort als Waldhüter tätig.

Pierre Laporte, genannt Rolland (1680-1704), führte den Aufstand in den Niederen Cevennen, in der Gegend um Mialet und Lassalle.

Jean Cavalier (1681-1740) trat in der Ebene zwischen Uzès und Sauve zu offenen Feldschlachten an.

Die einzelnen Trupps gingen unabhängig voneinander vor, aber manchmal vereinigten sie ihre Kräfte für bestimmte Unternehmungen ; danach liefen sie wieder auseinander. Auch wechselten die Kämpfer je nach Lust und Laune von einem Trupp zum andern. Diese offene Organisationsweise und durchlässigen Kommandostrukturen machten die Stärke der Kamisarden aus. Auch kam ihnen ihre genaue Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten zugute. Nach jeder Schlacht und jedem Überfall tauchten sie wieder in der Bevölkerung unter. Ihre Kampfesweise nahm diejenige späterer Guerillas vorweg. Aber die Kamisarden kämpften nicht für die Durchsetzung politischer Interessen : die Triebfeder ihrers Aufstandes war ihr religiöser Glaube.

Die Rolle der Propheten

Eine prophetische Vision von Abraham Mazel hat den Aufstand ausgelöst, und weitere Prophezeiungen bestimmten den Verlauf des Krieges und die Planung seiner Operationen. Die Angriffe der Kamisarden folgten den Eingebungen und Aufrufen ihrer Propheten, die während des Aufstandes eine zentrale Rolle spielen. Die bekanntesten Propheten waren :

  • Esprit Séguier
  • Abraham Mazel
  • Élie Marion
  • Jean Cavalier, der zugleich Prophet und Anführer einer Kampfgruppe war, was ihm großes Ansehen verschaffte.

Das aufständische Landvolk, das keinerlei militärische Ausbildung genossen hatte, ließ sich vom ‚Geiste Gottes‘ leiten und hielt sich für unverletzlich. Die Kamisarden fühlten sich den königlichen Truppen nicht im geringsten unterlegen. Sie warfen sich dem Gegner geschlossen entgegen und wichen niemals zurück. Dadurch unterschieden sie sich von den Massen der in Frankreich vorangegangenen Volksaufstände. Sie rannten gegen die Soldaten an und sangen dabei ihre Psalmen, vor allem den Psalm 68, der auch das ‚Siegeslied‘ genannt wird : „Es stehe Gott auf, dass seine Feinde zerstreuet werden, und die ihn hassen, vor ihm fliehen…“.

Vor soviel gläubigem Ungestüm waren es schließlich die königlichen Truppen, die erschrocken die Flucht ergriffen.

Zunahme der Gewalt

  • Kirche von Mialet (Gard)

Die Kamisarden schreckten nicht davor zurück, katholische Kirchen anzuzünden und deren Priester zu erschlagen. Sie verbreiteten Angst und Schrecken. Mönche und Pfarrer verließen fluchtartig ihre Gemeinden und brachten sich in den festen Städten in Sicherheit.

Warum kam es zu diesen Gewalttätigkeiten ? Weil die Pfarrer die neubekehrten Protestanten zum Besuch der Messe zwangen und die Widerspenstigen sofort der Obrigkeit meldeten. Die Kamisarden reagierten auf die den Protestanten angetane Gewalt mit Gegengewalt.

Bâville, der königliche Oberaufseher (frz. : intendant)des Languedoc, anwortete auf die Gewalttaten der Kamisarden mit der Hinrichtung ihrer Anführer und einem verschärften Druck auf die Bevölkerung. So kam eine Spirale der Gewalt in Gang : auf die Gräueltaten der einen folgten die Gräueltaten der andern. Die Kamisarden verwüsteten katholische Dörfer (Fraissinet-de-Fourques, Valsauve und Potelières), woraufhin Bâville die Bewohner von Mialet und Saumane, die mit den Aufständischen gemeinsame Sache gamacht haben sollen, geschlossen umsiedeln ließ. Der König stimmte schließlich dem Verbrennen der Cevennen zu : im Herbst 1703 wurden 466 Siedlungen zerstört und deren Bewohner abtransportiert.

Die katholische Bevölkerung blieb ebenfalls nicht untätig. Da die königlichen Truppen offensichtlich nicht für Ruhe und Ordnung sorgen konnten, rotteten sie sich zu Banden zusammen, die sich ‚Weiße Kamisarden‘ oder ‚Kreuzkadetten‘ nannten und schon bald auf eigene Faust Raubzüge unternahmen. Dadurch wurde die Lage noch unübersichtlicher.

Die Cevennen versinken in Blut und Asche.

Die Unterstützung durch die Bevölkerung

  • Die Höhle von Euzet © Guy Rieutord

Die Beihilfe der Bevölkerung war entscheidend. Aus ihr kamen die Männer, die an den Überfällen der Kamisarden teilnahmen. Deren Trupps, die normalerweise nur ein paar Dutzend aktive Kämpfer umfassten, konnten so die Särke von einigen hundert, wenn nicht sogar zeitweilig (wie derjenige von Cavalier) von einigen tausend Mann erreichen. Danach gingen die ‚Freizeitkämpfer‘ wieder nach hause.

Die Bevölkerung versorgte die Kamisarden auch mit Lebensmitteln, die zusammen mit Pulver und Blei an geheimen Orten gehortet wurden. Um die Aufständischen von diesen Versorgungslinien abzuschneiden und gleichzeitig die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen, ordnete der Marschall Montrevel 1703 das ‚Verbrennen der Cevennen‘ an. Die Entdeckung des Nachschublagers von Cavalier war für diesen eine Katastrophe und ließ ihn schließlich die Waffen niederlegen.

Ein Heiliger Krieg

Der Aufstand hatte nicht den geringsten wirtschaftlichen Grund. Dadurch unterschied er sich von den meisten anderen (‚antifiskalischen‘) Volkserhebungen dieser Zeit. Die Kamisarden griffen zunächst zu den Waffen, um ihre wütendsten Verfolger (wie den Abbé du Chayla) unschädlich zu machen ; danach kämpften sie für die Wiedereinrichtung des reformierten Gottesdienstes.

Bis es soweit sein würde, trafen sie sich insgeheim, um die Verkündungen ihrer Propheten zu hören. Der Kamisarde Jacques Bonbonnoux berichtet in seinen Memoiren, Jean Cavalier sei einer der angesehensten Propheten gewesen. Er nennt auch die Namen von weiteren acht Propheten, die sich dessen Trupp einer nach dem andern angeschlossen hätten. Laut Bonbonnoux gab es dort ebenfalls Lektoren (Vorleser) und Kantoren (Vorsänger), da der Psalmengesang während des Aufstandes eine wichtige Rolle spielte. Es kam zu regelrechten Gottesdiensten, an denen auch die Bevölkerung der jeweiligen Nachbarschaft begeistert teilnahm. Diese gemeinsame Religiosität band die Kamisarden eng an die protestantischen Bewohner der Cevennen.

Bibliographie

  • Bücher
    • CABANEL Patrick et JOUTARD Philippe, Les camisards et leur mémoire, 1702-2002, colloque du Pont-de-Montvert (25 et 26 juillet 2002), Presses du Languedoc, Montpellier, 2002, p. 278
    • JOUTARD Philippe, Les camisards, Gallimard, collection Folio Histoire, Paris, 1994
    • MAZEL Abraham, MARION Élie et BONBONNOUX Jacques, Mémoires sur la Guerre des Camisards, Presses du Languedoc, Montpellier, 2001
    • MISSON Maximilien, Le théâtre sacré des Cévennes, Presses du Languedoc, Montpellier, 1996
    • ROLAND Pierre, Dictionnaire des Camisards, Presses du Languedoc, Montpellier, 1995, p. 332

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