Die gerichtliche Sterndeutung, eine sehr alte Tradition

Die im 16. Jahrhundert betriebene gerichtliche Sterndeutung (von den Sternen angekündigtes Gottesurteil) stand in einer sehr alten Traditionskette. Sie löste gleichermaßen Erstaunen und Auseinandersetzungen aus.

Wenn der Himmel von der Erde und dem künftigen Schicksal seiner Bewohner spricht...

  • Der Hirte © Calendrier des bergers
  • Himmelskarte im 17. Jahrhundert © CRDP Montpellier
  • Nostradamus, ein Hellseher : Hausierer mit Kalenderbüchern - naives Klischeebild © Colection privée

Vom Lauf der Gestirne abgeleitete Prophezeiungen haben eine lange Tradition und finden sich ohne Zweifel im Leben einer jeden Gesellschaft wieder. Man begegnet ihnen bei den Chaldäern, den Ägyptern, den Mesopotamiern und weiteren alten Völkern. Man stößt aber auch auf Auseinandersetzungen über dieses Thema, vor allem unter den großen Persönlichkeiten und den Propheten Israels, darunter Joseph, Jesaja, Jeremia, und Daniel. Die Sterndeutung beruht auf der Beobachtung sowohl des Nacht- als auch des Taghimmels : die Bahnen der Sonne und des Mondes, die Veränderung der Leuchtkraft der Planeten und deren Bewegung in den Sternbildern, der Durchzug von Kometen, das Auftauchen neuer Sterne, all das sind fesselnde Vorgänge, die in Himmelskarten festgehalten worden sind, die den Sternenbildern auch Eigennamen gaben. Diese Beobachtungen haben es erlaubt, zeitliche Orientierungspunkte zu schaffen, die auf den Ablauf des Alltags einwirken : der Tag, die Nacht, die Zeit der Aussaat, die Zeit der Ernte, Wetterumschwünge und andere Naturereignisse lassen sich so messen, bestimmen und voraussagen.

Die Beobachtung des Himmels wirft beunruhigende Fragen auf, die nur schwer zu lösen si

  • Marcile Ficin von Andrea Ferruci © Cathédrale de Florence
  • Savonarole von Fra Bartolomeo © Couvent San Marco à Florence
  • Nicolas Copernic (1474-1543) © CRDP Montpellier
  • Das geo-heliozentrische System des Tycho Brahe © Collection privée
  • Tycho Brahé (1546-1601) © Collection privée

Die ersten Himmelskundler sind bei ihren Beobachtungen auf Regelmäßigkeiten gestoßen, auf Festpunkte, auf zeitlich geregelte Wendemarken, aber auch auf nicht nachvollziehbare Bewegungen und Unregelmäßigkeiten. Das war eine unerschöpfliche Quelle von immer neuen Problemen, denen sie mit Vermutungen und Behauptungen beizukommen gedachten : so entstand die Sterndeutung. Legenden und Mythen vermitteln einen lebendigen Eindruck von den sich in diesen Spekulationen wiederspiegelnden Ängsten vor Naturkatastrophen, Seuchen, tragischen Ereignissen, Schicksalsschlägen, Vorherbestimmungen und harten Bestrafungen, von denen die Menschen glauben, dass sie ihnen nicht entkommen können.

Nach Ptolomäus entwickelt sich die Sterndeutung in der islamischen Welt weiter (worauf Calvin nicht verzichtet hat hinzuweisen) und ihr „Wissen“ wird immer reicher.

Zu Beginn der Renaissance – zu einer Zeit, als dank des galiläischen Fernrohrs weiterreichende und genauere Beobachtungen eine mathematische Herangehensweise an die Himmelsmechanik beschleunigen, die es unter anderem erlaubt, Umlaufbahnen zu berechnen – kann es sich die Himmelskunde eigentlich nicht mehr erlauben, jene schicksalshaften Vorhersagen zu beglaubigen, die den Erfolg der Sterndeutung ausgemacht haben. Die Philosophen, die sich darüber klar waren und daraus ihre Schlüsse gezogen haben – wie Marsilius Ficinus, Savonarola und später auch Giordano Bruno – werden von der Kirche streng verurteilt.

Noch ist der Durchbruch nicht gelungen. Die großen Himmelskundler dieser Zeit – Kopernikus, Tycho Brahé, Galileo Galilei (1564-1642) und Johannes Kepler (1571-1630) – müssen sich (vor allem gegenüber ihren Schutzherren) als Sterndeuter ausgeben, wenn sie ihre Arbeit in gesicherten Verhältnissen fortführen wollen. Sie verfassen also Kalender, unter dem Vorwand, die genauen Daten der Kirchenfeste zu bestimmen.

Erst zur Zeit von Isaac Newton (1642-1727) vollzieht sich die endgültige Trennung von Astrologie (Sterndeutung) und Astronomie (Himmelskunde). Wenn auch die gerichtliche Sterndeutung fortbesteht und die Aufsteller von Horoskopen weiterhin ihr Glück machen, ist die Astrologie nur noch eine Privatangelegenheit, die von den Fortschritten der Astronomie nicht mehr berührt wird.

Der Kampf der Astrologen im 16. Jahrhundert und die reformatorischen Strömungen

  • Rabelais. Die pantagruelistische Voraussage (1532) © Collection privée
  • Clause Dolet- Genethliacum, redigiert von seinem Vater Etienne Dolet © Collection privée
  • Brief von Nostradamus © cura.free.fr

Im 16. Jahrhundert sind in allen gesellschaftlichen Schichten Almanache, Jahres- und Tageshoroskope sowie Geburtshoroskope dank der Entwicklung des Buchdrucks weit verbreitet.

Unter diesen Schriften, Textsammlungen und Gedichten finden sich auch solche, die mehr oder minder offen die evangelische Bewegung unterstützen, für sie Partei ergreifen und sich für ihre Anerkennung einsetzen : an die Stelle wolkiger Vorhersagen treten hier evangelische Zukunftshoffnungen.

François Rabelais hat in diesem Sinne bekanntermaßen mehrere Almanache verfasst :

Dir, geneigter Leser, sei Heil und Friede in Jesus dem Christ. – Weil ein Haufen von Deutereien, die in der Stadt Löwen im Schatten eines Glases Wein ausgesponnen wurden, schreckliche Verwirrung ausgelöst haben, habe ich Euch hier eine Vorausschau errechnet, die, wie Ihr merken werdet, sicherer und wahrhaftiger ist als alle, die wir bisher gesehen haben. (Almanach auf das Jahr 1533)

Clément Marot hat viele Geburtshoroskope erstellt, zum Beispiel dieses für den späteren König Franz II. (im Original gereimt) :

Komm unerschrocken an und fürchte einzig Saturn, der deinen weltlichen Gütern Schaden antun könnte. Denn Du wirst nicht so wie ich arm und dünn (leider !) geboren werden. Als Kind eines großen Fürsten (wenn Gott Dir diese Gnade erweist) wirst Du das wahre Mittel haben, das alles Ungemach beiseite schiebt, dieses wahre Mittel, voll von fruchtbarer Freude, wird zu dir kommen durch Jesus-Christ, den glorreichen Besieger des Todes. Komm doch, kleines Kind ... – Eglogue sur la naissance du fils de Monseigneur le Dauphin. (Kleines Hirtengedicht zur Geburt des Sohnes Seiner Durchlaucht, des Thronanwärters, 1544)

Andere Schriften stellen ihre astrologischen Weissagungen in den Dienst der römischen Kirche. Unter Berufung auf ein Aufsehen erregendes Ereignis – wie zum Beispiel den Unfalltod Heinrichs II. – legen sie dar, wie ein Gottesurteil durch die Sterne angekündigt wird. Sie lassen sich auch von den Sternen dazu anregen, noch andere bedrohliche Katastrophen vorherzusagen, falls die evangelische Bewegung und die Schriften Calvins weitere Anhänger finden sollten.

In diesem Zusammenhang veröffentlicht Calvin mit all seiner Energie und seiner unerbittlichen Ironie seinen Traité ou avertissement contre l’astrologie qu’on appelle judiciaire et autres curiosités qui règnent aujourd’hui au monde. (Abhandlung oder Warnung vor der Sterndeutung, die man gerichtlich nennt, und weitere Absonderlichkeiten, die heutzutage in der Welt um sich greifen)

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