Die Entstehung
der Amish-Gemeinde im Elsass

Die Amish tauchen am Ende des 17. Jahrhunderts in der anabaptistischen Gemeinschaft im Elsass auf : ihr Gründer, Jakob Amann, verlangt eine größere disziplinarische Strenge der Gemeinschaft.

Die Anabaptisten im 16. Jahrhundert

  • Todesstrafe durch Verbrennen für eine Wiedertäuferin © Michaël Sattler

Der Anabaptismus ist eine der Strömungen der radikalen Reformation des16. Jahrhunderts. Er entsteht in der Schweiz. Er unterscheidet sich von der Reformation Luthers und Calvins durch die Ablehnung der Kindstaufe. Seine Anhänger befürworten die Taufe erwachsener Gläubiger und taufen jene, die als Kinder getauft wurden, von neuem, daher der Name ‚Anabaptist‘, das heißt Wiedertäufer. Im Elsass werden sie « Daifer » (Täufer) genannt. Sie lehnen es auch ab, Dienst mit der Waffe zu tun, ein öffentliches Amt zu bekleiden oder einen Eid zu leisten.

Diese pazifistische Einstellung wird 1529, als die Türken vor Wien stehen und das christliche Abendland bedrohen, als aufrührerisch und gefährlich angesehen. Die Anabaptisten werden unerbittlich gejagt und verfolgt.

Sie werden von den Reformatoren Bucer und Capito in Strassburg aufgenommen, dann im Elsass verstreut. Sie halten heimliche Versammlungen ab und durchstreifen das Elsass, um den Pazifismus der Evangelien zu predigen. Sie werden inhaftiert, besonders in Riquewihr, wo sie sehr zahlreich sind, aber Hinrichtungen sind die Ausnahme. Am Ende des 16. Jahrhunderts nimmt die Unterdrückung ab, und die anabaptistische Lehre verbreitet sich.

Die Schweizer Einwanderung

  • Der Turm von Riquewihr, der im 16. Jhdt. als Gefängnis diente © Robert Baecher

Das 17. Jahrhundert wird stark durch die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) geprägt. 1648 wird das Elsass französisch (bis auf einige Städte). Die Provinz ist schrecklich verwüstet, die Bevölkerung durch Krankheiten, Hungersnot und Ausschreitungen der Soldateska dezimiert. Nach dem Krieg wird auf Seiten des Königs oder der Fürsten alles getan, um die Einwanderung zu begünstigen, indem man zum Beispiel brachliegende Ländereien oder Steuerbefreiung anbietet. Diese Maßnahmen ziehen zahlreiche Schweizer Anabaptisten an.

1635-36 findet im Kanton Zürich, der Wiege des Anabaptismus, nämlich eine verstärkte Verfolgung statt. Die Wiedertäufer werden auf Grund ihrer pazifistischen Einstellung als Rebellen angesehen. Die Erwachsenen werden eingesperrt, ihre Kinder werden in anderen Familien untergebracht, ihre Güter werden beschlagnahmt. Die gleiche Situation besteht im Kanton Bern 1670-71 mit der zusätzlichen Maßnahme der Deportation auf venezianische Galeeren.

Mit Hilfe der holländischen Reformierten und der elsässischen Anabaptisten können die Schweizer Wiedertäufer nach vielen Schwierigkeiten ins Elsass emigrieren. Ab 1650 lassen sie sich dort nieder, wo sich niemand ansiedeln will, und setzen Bauernhöfe und Mühlen der Grundherren wieder instand, besonders in der Grafschaft von Ribeaupierre. Es kommt zu einem Zusammenschluss von Anabaptisten in dieser Region, in der religiöse Toleranz besteht. Der zunächst städtische Anabaptismus wird ländlich. Aus Basel und Holland gesellen sich Menschen hinzu. 1680 nehmen sie in der Mühle von Ohnenheim eine gemeinsame Glaubenserklärung an. Dieses Glaubensbekenntnis ist in den amerikanischen Amish-Gemeinden noch immer in Kraft.

Die Anabaptisten bekommen das Recht, sich an abgelegenen Orten zu versammeln. Das Amt des Predigers, Ältesten und Armenpflegers ist wählbar. Außer der Bibel bedienen sich die Anabaptisten einer Liedersammlung, die ‚Ausbund‘ genannt wird. Die meisten dieser Lieder wurden von Glaubensbrüdern im Gefängnis komponiert. Der Band wird noch immer von den Amish benutzt.

Das Auftauchen der Amish

  • Darstellung eines schweizer Anabaptisten, Ende 18. Jhdt. © Collection privée

Am Ende des 17. Jahrhunderts siedeln sich etwa 60 Familien aus der Berner Region unter der Führung von Jakob Amann im Tal von Sainte-Marie-aux-Mines an. Der als ‚Pariarch‘ bezeichnete Amann stößt sich an der Lebensweise und der Disziplin der anabaptistischen Gemeinde im Elsass. Er fordert größere Strenge, insbesondere einfache Kleidung. Die neue Gemeinschaft, die ‚Jakob Amanns Partei‘ genannt wird, dann ‚Amish‘ in Nordamerika, entsteht 1693 nach ihrer Abspaltung von den Anabaptisten (in Amerika nennt man sie weiterhin ‚Daifer‘). Sie gruppieren sich hauptsächlich um Sainte-Marie-aux-Mines und dank ihres Arbeitseifers haben sie einen guten wirtschaftlichen Erfolg. Sie erwerben die wichtigsten Bauernhöfe und Güter der Region. Ihre Herden sind die größten und fruchtbarsten.

Sie bekommen einige Privilegien :

  • sie brauchen nicht in der Armee zu dienen ;
  • sie brauchen das Amt des örtlichen Steuereintreibers nicht auszuüben ;
  • sie können den Eid durch einen Händedruck (« Handtreue » genannt) ersetzen.

Dafür wird ihnen ein finanzieller Ausgleich abverlangt.

Der Erfolg dieser Anabaptisten ruft bald Neid und Begehrlichkeit hervor.

Bibliographie

  • Bücher
    • Souvenances anabaptistes – Mennonitisches Gedächtnis, Bulletin annuel de l'Association française d'histoire anabaptiste-mennonite, 1982-2003
    • The Mennonite Encyclopedia, Aschendorff, Münster, 1982 et 1990, Volume 5
    • MATHIOT Charles et BOIGEOL Roger, Recherches historiques sur les Anabaptistes, Le Phare - Flavion, Namur, 1969
    • SEGUY Jean, Les Assemblées anabaptistes-mennonites de France, École des hautes études en sciences sociales, Paris, 1977
  • Artikels
    • CLASEN Claus-Peter, „Executions of Anabaptists“, The Mennonite Quarterly Review, Groschen College, April 1973

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