Die Diakonissen von Reuilly

Die 1841 ins Leben gerufene Gemeinschaft der Diakonissen zog 1844 in die Rue de Reuilly im 12. Bezirk von Paris. Diese Adresse gab ihr den Namen.

Entstehung der Diakonissen von Reuilly

  • Fräulein Malvesin © S.H.P.F.

Die Gemeinschaft der Diakonissen von Reuilly entstand auf dem Höhepunkt der « Erweckung », jener Bewegung geistlicher Erneuerung und missionarischer Hingabe. Die Gründungsidee stammte von zwei starken Persönlichkeiten, Antoine Vermeil und Caroline Malvesin, die sich einige Jahre zuvor in Bordeaux kennengelernt hatten, wo der eine Pastor war und die andere ein Pensionat für junge Mädchen leitete. Als Pastor Vermeil nach Paris berufen wurde, bat er Caroline Malvesin, ihm und seiner Frau zu folgen, um ihnen bei der Organisation von Barmherzigen Werken zu helfen. Anfänglich (1842) handelte es sich dabei um eine Krankenstation für schwindsüchtige Kinder und – kurz darauf im selben Jahr – um ein « Frauenhaus » für Prostituierte. Dazu kam später ein Hilfsprogramm für inhaftierte Frauen : nicht nur wurden diese regelmäßig im Gefängnis besucht und zu guter Führung ermahnt, sondern auch nach ihrer Entlassung weiterführend begleitet, um sie nicht wieder in die Prostitution abgleiten zu lassen.

Diese Programme für hilfsbedürftige Frauen sollten nach dem Willen von Pastor Vermeil und Caroline Malvesin sinnvoll abgerundet werden. So entstand die Idee, eine Gemeinschaft von Frauen ins Leben zu rufen, die sich « einem Leben in Gehorsam und Barmherzigkeit in der Nachfolge Christi, das ein Zeichen für die auseinander gefallenen Kirchen setzen sollte » verschreiben würden.

Die Organisation der Gemeinschaft

  • Diakonissenhaus in der Rue de Reuilly in Paris - © S.H.P.F.

Die beiden Gründer legten ihrer ersten « inneren Verfassung » der Gemeinschaft folgende Leitsätze zugrunde :

  • Die absolute Heiligkeit Gottes erfordert die nicht minder absolute Hingabe jedes Wesens, das ihm sein Leben widmen will.
  • Die Ungerechtigkeit der Welt erfordert die Aufopferung für die Hilfsbedürftigsten unter den Menschen, um ihnen die frohe Botschaft des Evangeliums zu bringen.
  • Das Gedeihen der Kirche hängt von diesem Einsatz ab.

Diese Leitsätze wurden mehrfach überdacht, was allerdings erst 1983 zu einer ausgefeilten Satzung führte, die von der Gemeinschaft angenommen wurde und ihren inneren Geist widerspiegelt.

Die Gründung des « Ordens » der Diakonissen fand in den protestantischen Kirchen keineswegs ungeteilte Zustimmung. Die Vorstellung, daß die Frauen das (aus der katholischen Kirche bekannte) Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit ablegen und ihr Leben und Besitz voll in den Dienst der guten Sache stellen sollten, schien zu sehr der bedingungslosen Freiheit des Menschen unter den Augen Gottes zu widersprechen.

Für die Diakonissen selbst zog die Wahl des Lebens in « nonnenhafter Gemeinschaft » jedoch keinesfalls einen höheren oder angeseheneren religiösen Stand nach sich, mit dem – wie im Katholizismus – eine « kämpferische Qualität » verbunden sein würde.

Anders gesagt : ihr Einsatz und ihr Gelübde bestätigen, daß die Taufe das einzigartige und hinreichende Siegel der Vergebung Gottes und der Gnade des Heils ist.

Die Gemeinschaft der Diakonissen von Reuilly verzeichnete einen starken Zulauf. Umfaßte sie am Ende des 19. Jahrhunderts noch an die dreißig Schwestern, so sind es zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits mehr als hundert. Sie verteilen sich auf 15 Stifte, die in Europa, Afrika und Polynesien tätig sind und die alle eine unterschiedliche Entwicklung durchmachten.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Diakonie, das heißt im Dienst am Mitmenschen. Unter dem Einfluß bestimmter Oberinnen und insbesondere der Schwester Viviane Roullet (Oberin von 1957 bis 1974) widmeten sich die Schwestern dann verstärkt der Mitwirkung an der Liturgie der Kirche und einem in Andacht geführten Leben, was dazu führte, daß die Mehrheit unter ihnen heute an der Einheit der Kirche mitwirkt.

Die Diakonissen heute

  • Diakonisse © D.R.

Die Notwendigkeit der Schaffung unterschiedlicher Lebensräume einserseits für den Krankendienst und andererseits für ein zurückgezogenes Leben in stiller Andacht war seit 1970 nicht mehr von der Hand zu weisen. Die meisten Schwestern zogen daher aus der Rue de Reuilly aus und ließen sich in Versailles nieder, wo das neue Mutterhaus eingerichtet wurde ; in seiner Nähe wurde das Hospital « Claire Demeure » erbaut.

Das Gebäude in der Rue de Reuilly wurde seinerseits erheblich vergrößert. Es ist gegenwärtig eines der Hospitäler des 12. Bezirks von Paris, wo der Dienst an den Kranken noch immer im Geiste der Gründerin der Gemeinschaft, Schwester Caroline Malvesin, vorgenommen wird.

Diesem Hospital ist eine Schwesternschule angeschlossen, die junge Mädchen jeder Nationalität und Konfession ausbildet.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden nach dem Vorbild der Diakonissen von Reuilly weitere protestantische Schwesterngemeinschaften ins Leben gerufen.

Die von der Schwester Antoinette Butte zusammengeführte Gemeinschaft der Schwestern von Pomeyrol gehört zu diesen Neugründungen. Sie legt das Hauptgewicht auf ein andächtiges Leben.

Im Elsaß leistet der Stift der lutherischen Diakonissen von Neuenberg Dienst an den im Hospital von Neuenberg betreuten Kranken und Alten. Die Schwestern führen ein Leben in Stille und Gebet und legen bei ihrem Eintritt in die Gemeinschaft das Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams ab.

Die Schwestern dieser Gemeinschaften tragen ein Ordenskleid, das demjenigen anderer Konfessionen gleicht und von der Wahl ihrer Lebensführung zeugt : Gebet, Andacht, Dienst am Nächsten. Für die Schwestern ist ihre Kleidung eine dauerhafte und stets sichtbare Mitteilung an die Umwelt : daß die frohe Botschaft des Evangeliums weitergetragen werden soll.

Bibliographie

  • Bücher
    • LAGNY Gustave, Les origines des diaconesses, Paris, 1958
    • MESSIE Gérit, Les diaconesses de Reuilly, un germe fécond, Éditions du Cerf, collection Épiphanie, Paris, 1992
  • Artikels
    • LAMBIN Rosine, „Le costume des diaconesses protestantes“, Bulletin de la SHPF, SHPF, Paris, 36342, Tome 45

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