Die Brüder Gibert

Die Brüder Gibert begannen beide als Pastoren der Kirche der « Wüste » und führten ein bewegtes Leben, das für den einen in der Neuen Welt und für den andern im Refuge endete.

Jean-Louis Gibert (1722-1773), Pastor der « Wüste »

Jean-Louis Gibert wurde in den Cevennen im Dorf Saint-Martin-de-Boubaux (Departement Lozère) geboren und dort – wie es gesetzlich vorgeschrieben war – katholisch getauft. Von seinen Eltern wurde er jedoch in protestantischem Geiste zur Frömmigkeit erzogen. Mit zwanzig Jahren war er proposant, das heißt Anwärter auf das Pastorenamt der « Wüste ». 1744 nahm er als Sekretär an der im Untergrund tagenden Synode der Cevennen teil. 1746 erhielt er von der Synode die Erlaubnis, sich am Predigerseminar von Lausanne ausbilden zu lassen. Er verbrachte dort drei Jahre.

1750 kehrte er in die Cevennen zurück und wurde unter Einsatz seines Lebens Pastor der „Wüste“. 1751 bat er um eine einjährige Versetzung zu den Kirchen der „Wüste“ im Poitou und in der Saintonge. Daraus wurden dreizehn Jahre, in denen er – ständig unterwegs – die Kirchengemeinden in der Saintonge, im Agenais, im Périgord sowie in um Bordeaux (alle im Südwesten Frankreichs) neu organisierte. Trotz einer über ihn in Abwesenheit verhängten Todesstrafe bestärkte und tröstete er die Gläubigen, die in ständiger Furcht vor Verfolgung lebten.

Die Bethäuser

Jean-Louis Gibert war ein leidenschaftlicher Mann von ungewöhnlicher Überzeugungskraft. Er brachte die Protestanten der Saintonge trotz des offiziellen Verbots dazu, zahlreiche Kultstätten zu errichten und zu unterhalten : die Bethäuser (maisons d’oraison). Hierbei handelte es sich um schmucklose, scheunenartige Gebäude, bei denen niemand eine religiösen Bestimmung vermutet hätte. Jean-Louis Gibert konnte den Gouverneur der Provinz, den Marschall von Sennecterre, davon überzeugen, dass diese Einrichtungen für die Obrigkeit vorteilhaft wären, da die protestantischen Versammlungen so besser kontrolliert werden könnten. Er teilte das reformierte Kirchenvolk in „Gemeinschaften“ (sociétés) ein, die sich in Privathäusern versammelten, wobei er feststellte, daß die Obrigkeit darauf kaum reagierte.

Aus den Worten des biblischen Propheten Daniel, der den in Babylonischer Gefangenschaft gehaltenen Juden das Ende ihrer Qualen nach siebzig Jahren angekündigt hatte, schloß Jean-Louis Gibert, daß die Freiheit für die französischen Protestanten nahe bevorstand (Widerruf des Edikts von Nantes : 1685 + 70 = 1755) und daß diese ihre Tempel wieder aufbauen würden, so wie die Juden den Tempel von Jerusalem nach ihrer Heimkehr aus der Gefangenschaft wieder errichtet hatten.

Das erste Bethaus wurde 1756 auf der Halbinsel Arvert in Breuillet gebaut, das zweite dann wenig später in Mornac. Sie wurden nicht zerstört, was zum Bau von weiteren Häusern ermutigte. Die Bethäuser von Avallon (Gemeinde von Arvert) und von Maine Geoffroy (im Norden von Royan) sind noch heute zu sehen und stellen ein seltenes und daher kostbares protestantisches Erbe dar.

Nach Amerika

Da er die lang ersehnte Glaubensfreiheit trotz der biblischen Prophezeiung nicht kommen sah, kam Jean-Louis Gibert auf die Idee, mit seinen Glaubensbrüdern nach Nordamerika auszuwandern. 1761 wurde er beim Erzbischof von Canterbury in London vorstellig und bat ihn, sich beim englischen König Georg III. zugunsten dieses Vorhabens zu verwenden und jenen dazu zu bewegen, sich für die Glaubensfreiheit in Frankreich einzusetzen. Bei den Friedensverhandlungen mit Frankreich am Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) trat der englische König zwar nicht offiziell zugunsten der französischen Protestanten ein, versicherte diesen aber, daß sie in seinen nordamerikanischen Kolonien bestens aufgenommen werden würden.

In der Saintonge fanden die Pläne von Louis Gibert keinen großen Widerhall unter den Gläubigen, und die dortige Kirchenkreisversammlung der „Wüste“ mißbilligte sogar offen dieses Vorhaben. Louis Gibert brach dennoch mit einer kleinen Gruppe von Auswanderern auf. Sie gingen über die Schweiz und England nach Amerika. Vor seiner Abreise hatte Jean-Louis Gibert Jeanne Boutiton, die Schwester eines Pastors der „Wüste“, geheiratet, die ihn in die Neue Welt begleitete. Die Gruppe gründete im südlichen Carolina die Hugenottenkolonie „New-Bordeaux“ und widmete sich künftig dem Weinbau sowie der Kultur von Maulbeerbäumen zur Zucht von Seidenraupen.

Jean-Louis Gibert hatte in New-Bordeaux keine lange Amtszeit mehr vor sich, denn er starb plötzlich und unerwartet 1773 im Alter von nur einundfünfzig Jahren. Seine zahlreiche Nachkommenschaft in South-Carolina pflegt bis heute seine Grabstelle und hält die Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Pastor aufrecht.

Étienne Gibert (1736-1817)

  • Pastor Etienne Gibert © Maison du Protestantisme Charentais

Seine Eltern bestimmten ihn für eine Justizlaufbahn, aber Étienne Gibert nahm sich ein Beispiel an seinem Bruder, folgte ihm in die Saintonge und bereitete sich auf das Pastorenamt vor. Kurz darauf ging auch er zum Studium an das Predigerseminar von Lausanne. Er wurde 1758 ordiniert und in die Saintonge – dann nach Bordeaux – geschickt, um einen erkrankten Pastoren zu unterstützen. Dieser starb im Jahr darauf, und Étienne Gibert blieb bis 1770 Pastor in Bordeaux.

In Bordeaux hatte sich eine kleine Gemeinde Böhmischer Brüder („Hussiten“) niedergelassen, deren Religiosität Étienne Gibert persönlich sehr beeindruckte. Er behandelte in seinen Predigten zunehmend Themen der pietistischen Erweckung, wie die Herzensbekehrung zu innerer Frömmigkeit und den Empfang des Heiligen Geistes. Ein Teil seiner reformierten Zuhörerschaft nahm Anstoß an dieser „neuen Doktrin“, und Étienne Gibert wurde vom Konsistorium von Bordeaux getadelt. Er legte dagegen vor der Synode Berufung ein, die ihn schließlich im Amt bestätigte, ihm aber zur Auflage machte, Bordeaux zu verlassen und eine Gemeinde in der Saintonge zu übernehmen. Zutiefst verbittert ging Étienne Gibert daraufhin ins Exil.

Im Refuge

Étienne Gibert ließ sich in London nieder, wo er in den französischsprachigen reformierten Gemeinden (Hugenotten, Wallonen) gut aufgenommen wurde. 1771 wurde er nach anglikanischem Ritus ordiniert und zum Pastor der französischen Kirche La Patente ernannt ; später kam er an die Königliche Kapelle von Saint James. 1785 begleitete er den britischen Botschafter als Sekretär nach Paris und erschien am Hof von Versailles in der Robe eines englischen Geistlichen : er, ein ehemaliger Pastor der „Wüste“, der in Abwesenheit zur Galeerenstrafe verurteilt worden war !

Bei der Vorbereitung des französischen Toleranzedikt von 1787 hielt er sich noch in Paris auf. Danach amtierte er wieder als Pastor in London. 1793 bot ihm der Gouverneur der britischen Insel Guernsey eine Pastorenstelle an der dortigen anglikanischen Kathedrale an, aber Étienne Gibert zog die kleine Gemeinde von Saint Andrews vor, die er bis 1815 betreute. Er starb 1817 im Alter von achtzig Jahren.

Das literarische Werk

Étienne Gibert verfügte über eine große Allgemeinbildung und gründliche Kenntnisse der biblischen Texte, die er in den Originalsprachen (Hebräisch, Griechisch) studierte.

Im Refuge widmete er sich dem Studium entfaltete eine rege schriftstellerische Tätigkeit. In seinem ersten Werk – Observations sur les écrits de M. de Voltaire (1788) [Anmerkungen zu den Schriften des Herrn Voltaire] – verwarf er dessen Gottesglaube ohne Kirchenbindung (Deismus).

Seine weiteren Werke enthalten Verteidigungsschriften oder biblische Auslegungen :

  • Réflexions sur l'Apocalypse, 1796 [Überlegungen zur Apokalypse] ;
  • Démonstration de l’Authenticité et de la Divinité des livres du Nouveau Testament, 1799 [Beweis der Echtheit und des göttlichen Ursprungs der Bücher des Neuen Testaments] ;
  • Histoire suivie et complète de Jésus-Christ, 1801 [Vollständige Lebensgeschichte Jesu Christi] ;
  • Dreibändige Predigtsammlung, 1804-1806.

Bibliographie

  • Bücher
    • BENOIT Daniel, Les frères Gibert, Le Croît vif, 2005

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