Der Brief Calvins
an die „gefangenen Schwestern
von Paris“ (September 1557)

Bei diesen Gefangenen handelt es sich in der Mehrzahl um adlige Damen, die während einer Gebetsversammlung in der Rue du Faubourg Saint-Jacques in Paris festgenommen und anschließend in die Verliese des Châtelet-Gefängnisses geworfen worden waren.

  • Eigenhändige Unterschrift Jean Calvins (22. Dezember 1559) © Musée Calvin de Noyon

Es würde mich nicht erstaunen, sehr liebe Schwestern, wenn Euch dieser harte Schlag niedergestreckt hat und Ihr Euch vor dem Anblick Eures Fleisches ekelt, das umso mehr seiner Bestimmung gehorcht, als Gott durch Seinen Heiligen Geist in Euch wirkt. Wenn schon der Mann zerbrechlich und leicht zu verwirren ist, so hat die Natur Euer Geschlecht mit einer noch größeren Empfindlichkeit bedacht. Aber Gott, der selbst die zartesten Vasen füllt, weiß auch dem Schwächsten unter den Seinen Seine Kraft zu beweisen. In Ihm suchet Eure Zuflucht, betet ständig zu ihm und fleht ihn an, Er möge den unverderblichen Samen, den Er Euch eingepflanzt hat und durch den Er Euch in den Kreis seiner Kinder aufgenommen hat, zu Keim und Frucht bringen und Euch Stärke geben, um aller Beklemmung und allem Gram zu trotzen. Erinnert Euch der Worte des Heiligen Paulus : Gott hat den Unverstand in die Welt gesetzt, um die Weisen zu verwirren, er hat die Schwachen dazu erwählt, die Starken zu besiegen, die feilen und verschmähten Dinge, um diejenigen zu zerstören, die groß und teuer sind. Diese Worte sollten Euch dazu ermutigen, die Missachtung, mit der die Männer Eurem Geschlechte gern entgegentreten, standhaft zu ertragen. Denn so stolz und hochmütig sie auch immer daherkommen mögen, und wie sehr sie auch Gott und alle, die Ihm dienen, aus Verachtung und Geringschätzung verspotten, so werden sie doch, sobald sie Eure Tugend und Seine Kraft leuchten sehen, in Bewunderung verfallen. Und je schwächer das Gefäß ist, dessen Gott sich bedient, desto weniger werden sie der Kraft Gottes widerstehen und nicht umhin können, Ihn am Ende anzuerkennen.

Ihr werdet sehen dass ihnen die Wahrheit Gottes, wo auch immer sie aufscheint, unausstehlich ist, und dass sie gleichermaßen bei Männer wie bei Frauen verhasst ist, bei Gelehrten wie bei Blöden, bei Reichen wie bei Armen, bei Großen wie bei Kleinen. Und wenn sie das Geschlecht oder den Stand einer Person zum Anlass nehmen, auf diese einzuschlagen (wir sehen ja, dass sie die Frauen und die armen Handarbeiter verspotten, so als wenn es diesen nicht zustünde, von Gott zu sprechen und ihres Heils gewiss zu sein !), so wisset, dass dies alles gegen sie Zeugnis ablegt und zu ihrem Verderben führt. Da es jedoch Gott gefallen hat, Euch ebenso zu Sich zu rufen wie die Männer (denn Er macht keinen Unterschied zwischen männlich und weiblich), so müsst auch Ihr Ihn rühmen, mit der Kraft der Gnade, die Er Euch geschenkt hat, und zwar ebenso wie die herausragendsten Persönlichkeiten, denen Er hohes Wissen und hohe Tugenden hat zuteil werden lassen. Da Jesus Christus, in dessen Namen Ihr getauft worden seid, für Euch gestorben ist und Ihr in Ihm Euer Heil erhofft, dürft Ihr niemals nachlassen, Ihm die Ehre zu erweisen, die Ihm gebührt. Da wir alle gemeinsam unser Heil in Ihm finden, so müssen wir Ihm auch alle gemeinsam, Männer wie Frauen, in dem Prozess beistehen, den die Welt Ihm macht. Wenn Er uns in den Kampf schickt und der Prüfung durch seine Feinde unterwirft, dann dürfen wir uns nicht auf unsere Schwäche berufen, um Ihn zu verlassen oder Ihm abzuschwören. Das liefe nicht gut für uns aus, sondern führte nur zu unserer Verdammung als Abtrünnige. Denn Der, der uns in die Schlacht schickt, gibt uns auch Rüstung und alle nötigen Waffen und führt unsere Hand, um uns dieser zu bedienen. Es liegt an uns, sie zu ergreifen und uns von Ihm leiten zu lassen. Er hat versprochen, uns Wort und Weisheit zu geben, denen unsere Feinde nicht widerstehen können. Er hat denen, die sich ihm anvertrauen, Standhaftigkeit und Ausdauer versprochen. Er hat Seinen Geist über alles Fleisch ausgegossen und lässt Sein Wort durch Seine Söhne und Seine Töchter verkünden, wie Er es durch den Mund des Propheten Joel verkündet hat, was ein Zeichen dafür ist, dass Er uns gleichermaßen seine anderen Gnadenbeweise mitteilt, und dass Er nicht Knabe noch Mägdelein, nicht Mann noch Frau, der Gabe beraubt, Seinen Ruhm zu preisen. Wir dürfen deshalb nicht zögern, Seine Gnade zu erbitten und, sobald Er sie uns zugeteilt hat, nicht zu feige sein, sie anzunehmen und nach Kräften nutzen. Denkt nur an die Kraft und den Mut der Frauen beim Tode unseres Herrn Jesus Christ : als Seine Jünger ihn verließen, waren sie es, die in herrlicher Beständigkeit bei Ihm ausharrten. Vergesst auch nicht, dass es eine Frau war, die den Jüngern die Nachricht von Seiner Auferstehung überbrachte, was deren Glauben und Verständnis überstieg. Wenn Er diese Frauen so geehrt hat und ihnen solche Tugenden eingab, glaubt Ihr denn, Er habe jetzt weniger Kraft oder Er habe inzwischen den Willen dazu verloren ? Wie viele tausende von Frauen haben nicht Blut und Leben gegeben, um den Namen Jesu Christi zu preisen und Seine Herrschaft zu verkünden ? Hat sie Gott etwa nicht für ihr Martyrium belohnt ? Wurde ihr Glaube etwa nicht gerühmt, genau so wie derjenige der Märtyrer ? Kurzum, sehen wir denn nicht täglich, wie sich Gott ihres Zeugnisses bedient, um Seine Feinde zu verwirren, denn es gibt keine Predigt, die so wirksam wäre wie die Standhaftigkeit und die Ausdauer von Frauen, die den Namen Christi lobpreisen. Seht ihr denn nicht, wie dieses Wort unseres Herren in ihren Herzen verankert ist, das da lautet : Wer mich vor den Menschen verleugnet, den werde ich vor Gott, meinem Vater, verleugnen ; wer sich aber zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich bekennen und ihn vor Gott, meinem Vater, anerkennen. Diese Frauen haben keine Scheu gehabt, ihr hinfälliges Leben für ein besseres aufzugeben, voll von Glückseligkeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Nehmt sie euch zum Vorbild, aus früheren und aus gegenwärtigen Zeiten, um Euch in Euren schwachen Stunden zu stärken, und Ihr werdet in Ihm ruhen, der so große Werke mit so zarten Mitteln vollbringt, und seid Euch der Ehre bewusst, die Er Euch erweist. Lasst Euch zu Ihm geleiten, in vollem Vertrauen auf Seine Kraft, Euch das Leben zu bewahren, falls Er es noch braucht, oder Euch dafür ein anderes, besseres zu geben. Ihr seid gebenedeit, wenn Ihr Euer irdisches Leben als hohen Preis zu Seinem Ruhme hingebt, um ewiglich bei Ihm zu leben. Denn dazu sind wir auf die Welt gekommen und von der Gnade Gottes erleuchtet worden : dass wir Ihn in unserem Leben und in unserem Sterben preisen, bis wir endlich wieder vollends mit Ihm vereint sind.

Der Herr möge Euch die Gnade erweisen, all dieses aufmerksam zu bedenken und in Euren Herzen zu bewegen, auf dass Ihr in allem nach Seinem Willen handelt. Amen.
(Genf, im September 1557)

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