Bibelgesellschaften

Eine der dringlichsten Forderungen der Reformation war, dass jeder Gläubige die Bibel lesen könne. Das zu ermöglichen war eines der obersten Anliegen der Verantwortlichen des mittlerweile wieder eingeführten protestantischen Gottesdienstes. Die Verwirklichung dieser Forderung verlief nicht ohne Rivalität.

Das Lesen der Bibel erleichtern

  • Protestantische Bibelgesellschaft (Zusammenfassung des Jahresberichtes) © Mours

Mit der Wiedereinführung des protestantischen Gottesdienstes in Frankreich erhob sich die Frage, wie man den Gläubigen den Zugang zur Bibellektüre erleichtern könne. Es wurden mehrere Bibelgesellschaften gegründet, die, wenngleich sie sich keine Konkurrenz machten, sich so doch leicht unterschieden. Sie hatten das Ziel, Bibeln in großer Menge (zu einem vernünftigen Preis) und von bester Übersetzungsqualität zu liefern. Oft wurden sie von Bibelgesellschaften traditionell protestantischer Länder unterstützt, sei es finanziell (Deutschland, England, Schottland) oder durch erleichterten Zugang zu Übersetzungen (Schweiz).

Die erste Bibelgesellschaft, die Fondation Léo, wurde 1811 auf Anregung eines sächsischen gleichnamigen Theologen gegründet. Sie erhielt die Genehmigung des Ministers für religiöse Angelegenheiten, des Comte Bigot de Préameneu.

Dann wurde auf Anregung des Marquis de Jaucourt 1818 die protestantische Bibelgesellschaft von Paris (Société biblique protestante de Paris) ins Leben gerufen. In ihrem Gefolge wurden 643 Hilfsgesellschaften gegründet. Ihre gemeinsame Aufgabe war die Zusammenführung und die Annäherung der Protestanten, ohne Ausschluss, ohne dogmatische Einmischung. Für ihre Entwicklung benötigte die Gesellschaft jedoch die Unterstützung der britischen Bibelgesellschaft, welche tatsächlich eine strenge Aufsicht über ihre Tätigkeit ausübte (sie lehnte z.B. die Aufnahme der sogenannten Apokryphen in die Bibel ab). Wenn es z.B.um das Thema Übersetzung ging, waren die Diskussionen mit der wohltätigen Gesellschaft gelegentlich heftig (die Übersetzungen von Martin und Ostervald machten sich Konkurrenz) ; ebenso, wenn es um die Frage der Zielgruppe (Bibelverbreitung außerhalb protestantischer Kreise) ging. Übrigens ließ sich ab 1820 die Britische und Ausländische Bibelgesellschaft in Frankreich nieder, um eine eigene Aktion in Richtung katholischer Kreise und Freidenker zu unternehmen (und mit der offenen Absicht, Religionswechsel zu bewirken). Nach wiederholten Streitigkeiten mit den englischen Gönnern erblickte die Bibelgesellschaft Frankreichs (Société biblique de France) 1864 das Licht der Welt, welche sich für eine Arbeit im Rahmen der reformierten Kirche und in frankophonen, belgischen und schweizer Kreisen entschied. Sie unternahm eine gut durchdachte und sehr gründliche Arbeit. Zunächst einmal wollte sie originalgetreue Übersetzungen machen. Zu den Übersetzungen von Martin und Ostervald gesellten sich also : für das Alte Testament die von Perret-Gentil (1847) und die von Louis Segond (1874), ebenso die Synodenbibel (Bible de Synode), deren Übersetzung 1883 begonnen wurde. Die Übersetzungen machten sich die exegetischen Fortschritte zunutze. Übrigens wirkte die Société biblique nicht nur in Kirchengemeinden und in Familien, sondern auch in Krankenhäusern, in Heimen und bei der Armee (im letzteren Fall beschränkte sie sich auf die – günstigere – Verteilung des Neuen Testamentes an die Soldaten). Sie vollbrachte auch ein Werk von historischer Bedeutung, indem sie seltene Exemplare von Übersetzungen aus dem 16. Jahrhundert an einem einzigen Ort (Société d’histoire du Protestantisme français, 54 Rue des Saints Pères) zusammentrug. Schließlich veröffentlichte sie alle 3 Monate ein Mitteilungsblatt, in dem sie über ihre Initiativen und ihre Entwicklung berichtete, und das Ziel verfolgte, finanzielle Unterstützung zu finden.

An die Haupttätigkeit der Bibelgesellschaften die Bibelverbreitung, haben sich Nebenaktivitäten angeschlossen, z.B. das Werk zur Erleichterung der Bibellektüre (Oeuvre pour faciliter la lecture de la Bible), welches Bücherstützen herstellte, die es ermöglichten, aufgeschlagene Bibeln abzulegen und somit die Aufmerksamkeit der Passanten an jedwedem Ort zu erwecken.

Über 10 Millionen Exemplare sollten im Laufe des 19. Jahrhunderts auf diese Weise angeboten werden, günstig und ohne Gewinn für die Herausgeber, 4/5 davon von der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft.

Mit diesen Werken sind unter anderem auch die Namen Marquis de Jaucourt, Baron Ferdinand de Schickler, François Guizot, Victor de Pressensé, Pfarrer Montandon verbunden.

Die Bibelgesellschaften bestehen natürlich heute auch noch unter unterschiedlichen Bezeichnungen fort.

Eine Anekdote

  • Bibelauto der bretonischen Mission © Mours

Kurz vor dem 2. Weltkrieg ereignete sich folgendes in einer Kleinstadt im Tarn : Gleich nach seiner Wahl beschloss der Bürgermeister Paul Ramadier, alle katholischen Schulen seiner Gemeinde zu schließen. Als Gegenmaßnahme beschloss der Bischof, alle Priester aus der Kirchengemeinde abzurufen. Darauf bat Paul Ramadier einen befreundeten Pfarrer, die Kirchengemeinde etwas zu betreuen. Dieser stimmte zu unter der Bedingung, dass allen Gemeindemitgliedern eine Bibel gegeben würde, was auch geschah. Die Zeit verging, der Bischof wurde abgelöst, ein Priester wurde bestellt.

In einer Art von Amtsübergabe verpflichtete man sich, die Bibeln zu erhalten. Der Pfarrer hieß André de Robert. Der Priester François Marty, der spätere Kardinal Erzbischof von Paris, blieb nur kurze Zeit an diesem Ort. Nach seiner Abreise verschwanden alle Bibeln.

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