Alexandre Vinet (1797-1847)

Der Schweizer Theologe Alexandre Vinet hat durch die seine Schriften den gesamten französischsprachigen Protestantismus fast ein Jahrhundert lang beeinflusst.

Biografischer Überblick

  • Alexandre Vinet (1797-1847) © S.H.P.F.

Am 17. Juni 1797 wird in Lausanne Alexandre Vinet geboren, den man als den wichtigsten Denker des französischsprachigen Protestantismus des 19. Jahrhunderts ansehen kann. Kurz nach seinem Theologiestudium in Lausanne ließ er sich in Basel nieder, um dort an einer Mädchenschule Französisch und dann Französische Literatur an der Basler Universität zu unterrichten. 1826 verfasst er die Denkschrift zugunsten der Freiheit der Glaubensausübung (Mémoire en faveur de la liberté des cultes), der von der (Pariser protestantischen) Gesellschaft für Christliche Moral (Société de la Morale Chrétienne) geehrt wurde und eines der größten Werke dieser Epoche bleibt, das Religionsfreiheit fordert. Ab 1830 arbeitet er regelmäßig an der protestantischen Pariser Zeitschrift Le Semeur mit, wodurch er bald seinen Ruf als Literarkritiker bestätigte. Seine Reden über einige religiöse Themen (Discours sur quelques sujets religieux, 1831) werden mehrmals neu aufgelegt und schnell folgen ähnliche Veröffentlichungen. Dies führt dazu, dass man ihn bald als einen der großen religiösen Denker anerkennen muss.

Zu Beginn seines Aufenthaltes in Basel wurde Vinet zum Pfarrer ordiniert, aber er arbeitete nie in einer Gemeinde. Das hielt die Académie de Lausanne nicht davon ab, ihn 1837 auf ihren Lehrstuhl für Praktische Theologie zu berufen. Er hat sich im französischsprachigen Raum, aber auch im restlichen Europa und in Nordamerika als einer der Hauptvertreter dieser Disziplin erwiesen. Sein 1842 verfasster Essai Über die Darlegung der religiösen Überzeugungen (Essai sur la manifestation des convictions religieuses) gab einen bittereren und polemischeren Ton als die Denkschrift von 1826 an. Er verficht darin ohne Kompromisse das Prinzip einer notwendigen und kompletten Trennung von Staat und Kirche, während doch die Reformierte Kirche seines Kantons den Status einer Staatskirche hatte. Aber die radikale Revolution, die im Kanton Vaud seit 1845 die Oberhand hatte, wollte die Pfarrer politisch gleichschalten. So wurde die separatistische These von Vinet zum Manifest zahlreicher Pfarrer und eines Teils der Gläubigen, die 1847 eine vom Staat unabhängige Freikirche gründeten, die sich streng von der Nationalen Kirche trennte. Da er schwer krank war, konnte Vinet nur noch eben die Anfänge dieser mit seinen Grundsätzen im Einklang bestehenden Kirche miterleben. Er starb am 4. Mai 1847.

Werk und Denken Vinets

Vinet hat ausser dem Essai von 1842 kein wirklich systematisches Werk hinterlassen. Er ist eher ein Essayist und Moralist – im positiven Sinne.

Unermüdlich hat er sich als anspruchsvoller Denker und ernsthafter Christ über die Gemeinsamkeiten der Gebote des christlichen Glaubens und die der Freiheit und ihr vereintes Schicksal Gedanken gemacht und überlegt, wie diese zusammenzudenken seien. Sein literarischer Geschmack bevorzugte besonders die Klassiker des Jahrhunderts von Louis XIV. Mit ihnen praktizierte er eine Sprachdisziplin, die als moralische und spirituelle Notwendigkeit gilt. Blaise Pascal hat ihn in dieser Hinsicht am meisten beeinflusst, und Vinet kann als der größte Schüler Pascals unter den protestantischen Theologen angesehen werden. In seinem übrigen Werk zeigt sich Vinet eher als ein religiöser Denker, dessen Denken sich in der Auseinandersetzung mit literarischen Werken – eher als in der Schule der Theologen – geformt hat, aber immer ganz im Sinne einer tief im evangelischen Glauben verankerten Reflexion. Seine Originalität zeigt sich gerade in dieser seltenen Synthese zweier schwer zu vereinbarender Ansprüche : einerseits ein ausgeprägter Sinn und große Aufmerksamkeit für literarische Werke, andererseits eine stark von einem Gefühl für die religiöse Erweckung geprägte Frömmigkeit.

Als Lehrer wollte Vinet seine Schüler in direkten Kontakt mit den besten Vertretern der Sprache und des Denkens bringen. Seine Französische Chrestomathie in 3 Bd. (Chrestomathie française) war lange Zeit das Modell eines Handbuchs zum Erlernen einer Sprache. Daneben hat er auf der Notwendigkeit bestanden, den Frauen eine schulische Ausbildung zukommen zu lassen, und betont, dass dies für die Gesellschaft in ihrem Ganzen nötig sei ; er hat sogar in Lausanne zur Eröffnung einer Mädchenschule beigetragen, die heute noch seinen Namen trägt.

Als Moralist hat Vinet immer darauf bestanden, dass es keine Religion ohne Moral, keine Moral ohne Religion geben könnte – nicht als Institutionen, sondern im Sinne von Verantwortungen, die jedem Individuum zukommen und sich auf alle Lebensbereiche erstrecken : Staat, öffentliches Leben, Erziehung, Familie, Kirche, Künste. Ein Satz fasst seinen Standpunkt sehr gut zusammen : « Ich will, dass der Mensch Herr seiner selbst ist, um besser der Diener aller zu sein. » (Je veux l’homme maître de lui-même afin qu’il soit mieux le serviteur de tous).

Als Theologe war er zu vorsichtig, um an Lehrstreitigkeiten, die zu Spaltungen führen, teilzunehmen. Im Laufe der Jahre hat er allerdings einige theologische Sätze aufgegeben, die zwar traditionell waren, aber seinen tiefen Überzeugungen nicht mehr entsprachen, z.B. die Idee der Sühne. Und man zitiert hier gerne einen anderen Satz aus seinem Werk : « Da, wo der Fehler nicht frei ist, ist es die Wahrheit auch nicht. » (Là où l’erreur n’est pas libre, la vérité ne l’est pas non plus).

Vinet hat nur Notizen und Aufzeichnungen zur Praktischen Theologie, d.h. dem Teil der Theologie, der vor allem die praktische Ausübung des Pfarramts behandelt, hinterlassen, die nach seinem Tode in Bänden zusammengestellt wurden und bald als Lehrbücher galten. Seine Pastoraltheologie (Théologie pastorale) oder seine Homiletik oder Predigttheorie (Homilétique ou théorie de la prédication) zeigen die großen Linien eines Pfarramtes auf, das ganz im Dienst einer Botschaft davon steht, « was nicht natürlich ins Herzen des Menschen gekommen ist » (ce qui n’est pas monté naturellement au cœur de l’homme), und die ein wahrer Aufruf zur Reue, zum Heil und zum Dienst. In einem Jahrhundert, in dem die alten institutionellen religiösen Wegweiser ins Wanken gerieten, hat er den Akzent auf die Notwendigkeit einer persönlichen Seelsorge gesetzt, die die Vielfalt der Situationen und Temperamente berücksichtigt. Seine Vision des Pfarramtes hat dessen Ausübung in den französischsprachigen protestantischen Kirchen bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stark beeinflusst.

Was das Verhältnis zwischen Kirche und Staat betrifft, so scheint seine Haltung sehr dazu beigetragen zu haben, die Veränderung der Situation in einem Bereich zu erleichtern, der schwierig bleibt und oft weniger schwarz-weiß ist, als er es in seinen Streitschriften behauptet.

Während eines Jahrhunderts hat Vinet mit seinen Schriften den gesamten französischsprachigen Protestantismus beeinflusst, sei er liberal oder orthodox. Er hat in ihm die Idee verankert, dass das Christentum eine ganz persönliche und quasi mystische Beziehung zur Person und zur Botschaft Jesu Christi bedeutet, und dass es sich dabei vor allem um eine Sache des Gewissens und des Denkens handelt. Zu den Theologen, die sich am klarsten auf ihn berufen, gehören Auguste Sabatier mit seiner Kritik der Autoritätsformen in Glaubensfragen, Gaston Frommel und sein Konzept der spirituellen Erfahrung und die ersten Vertreter der Religionspsychologie im evangelischen Rahmen.

Autor: Bernard Reymond

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