Unterschiedliche Wege
der Reformation

« Die Reformation hatte überall ihre eigenen Wurzeln. In Frankreich, in der Schweiz und anderswo wuchs sie auf heimischem Boden und unter unterschiedlichen Gegebenheiten heran, brachte aber dennoch überall die selbe Frucht hervor. » (Jules Michelet)

Die Reformation stärkt die Staaten und schafft sprachliche Einheit

  • Die Reformation Im 16. Jahrhundert
    Die Reformation Im 16. Jahrhundert © Musée international de la Réforme, Genève

Im 16. Jahrhundert ist die Reformation unmittelbar mit dem Erstarken der Nationalstaaten verbunden. Indem sie es jedem ermöglicht, in seiner eigenen Sprache die Heilige Schrift zu lesen und zu Gott zu beten, trägt sie zur sprachlichen Einheit zum Beispiel der Deutschen, der Engländer, der Franzosen oder der Schweden bei. Die Bibelübersetzungen von Luther (deutsch), Tyndale (englisch), Lefèvre d’Étaples und Olivétan (französisch), oder auch von Olaf Petersen (schwedisch) tragen zum Entstehen einer jeweiligen theologischen oder philosophischen Nationalliteratur bei. Der ursprünglich in lateinischer Sprache verfassten Unterweisung in der christlichen Religion von Calvin folgen unzählige Übersetzungen auf Französisch, Englisch, Spanisch oder auch Italienisch.

Die Beziehungen zwischen der evangelischen Glaubensbewegung und den verschiedenen Staaten sind jedoch höchst unterschiedlich. Luther wurde von zahlreichen deutschen Fürsten gefördert, darunter anfangs besonders von dem sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen. Dagegen sollte Calvin seine wichtigste Unterstützung jenseits der Grenzen Frankreichs finden, obwohl er sich im Vorwort seiner Unterweisung direkt an den französischen König Franz I. wandte. Der reformierte Glaube fand seine Anhänger zunächst in den Ländern des « Refuge » : von Straßburg über Basel bis nach Genf. Ein noch anderer Weg wurde in England beschritten, wo das Kirchenleben von der Regierung reformiert wurde : in den “39 Artikeln der anglikanischen Reformation” (1563-1571) wurde das bischöfliche System beibehalten, dem Land aber ein protestantisches Glaubensbekenntnis verordnet.

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass es die skandinavischen Monarchien waren, die sich als erste endgültig vom Katholizismus abwandten. In Dänemark wurden die Ideen Luther seit den 1520er Jahren verkündet, und der Herzog von Schleswig-Holstein entmachtete die Bischöfe und den konservativen Adel, bevor er zum König Christian III. gekrönt wurde. Das Land nahm die (lutherische) Augsburger Konfession an. In Schweden trieb Gustaf Vasa unter dem Einfluss von Olaf und Lorenz Petersen die Säkularisierung (Einziehung und Nutzung des Kirchenbesitzes durch den Staat) voran und ließ das Evangelium predigen.

Unterschiedliche Wege der Reformation

Es werden also verschiedene Wege deutlich :

  • Die Reformation wird « von oben » in Zusammenarbeit von Staat und Kirche eingeführt, wie in England (anglikanische Reformation) oder in Schweden.
  • Die Reformation wird von den Fürsten oder bestimmten städtischen Kräften unterstützt (lutherische Reformation).
  • Die Reformation wird vom Volk oder zumindest vom Bürgertum getragen, wie in Frankreich oder in der Schweiz (reformierte Bewegung).

Mitunter prallten diese Vorgehensweisen hart aufeinander : die Radikalreformation überwarf sich schnell mit der obrigkeitlichen Reformation. Luther sprach sich 1525 gegen die aufständischen Bauern aus. Calvin bekämpfte die Täufer und all jene, die er als « religiöse Freigeister » bezeichnete und denen er vorwarf, Unordnung und Zwietracht in die Gesellschaft zu tragen.

Obwohl sich alle Strömungen der Reformation auf einige starke Gemeinsamkeiten beriefen (Rechtfertigung durch den Glauben, Schlüsselstellung der Gnade, Vorrang der Bibel vor den kirchlichen Institutionen), haben sie in der Geschichte oft widersprüchliche Haltungen eingenommen. Sollte man dennoch von der Reformation sprechen ? Wäre es nicht sinnvoller, mit Lucien Febvre eher von einem Nebeneinander mehrerer Reformationen auszugehen ?

Der Ausdruck « die protestantische Reformation » besitzt den Vorzug, die unbestreitbare gegenseitige Annäherung der unterschiedlichen religiösen Empfindungen hervorzuheben, die in unserer zeitgenössischen, an die Vielfalt gewöhnten Sehweise als ein Reichtum und nicht als Schwäche empfunden werden. Die “Mannigfaltigkeit der protestantischen Kirchen”, die Bossuet (1627-1704) als einen Beweis ihres Irrtums anführte, mag so im Gegenteil als ein Beweis ihrer Dynamik und ihrer großen geistigen Toleranz verstanden werden.

Autor: Bernard Cottret

Bibliographie

  • Bücher
    • CHRISTIN Olivier, Les Réformes. Luther, Calvin et les protestants, Découvertes Gallimard, Paris, 1995
    • COTTRET Bernard, Histoire de la Réforme protestante, Perrin, Paris, 2001

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