Die Familie Schlumberger

Gerber in Mühlhausen

1542 verlässt Nicolas Schlumberger, der Vorfahre des elsässischen Zweiges, seine württembergische Heimat. Er ist der jüngste Sohn einer ehrenwerten, begüterten Familie aus der Gegend von Ulm. Er beschließt, sein Glück im Elsass zu versuchen und zwar in der Gemeinde Guebwiller.

Wenn Nicolas, bevor er nach Guebwiller kam, auch kein Rebell war, so wird er es schnell im offen Widerstand gegen Fürstabt von Murbach, der die Stände kontrolliert. Dieser fordert ihn nun auf, sein Gebiet zu verlassen. Als Persona non grata in Guebwiller lässt sich Nicolas also 1545 in Mühlhausen nieder, wo er Gerber wird. Das ist der Anfang einer Gerberdynastie, die in Mühlhausen fast zwei Jahrhunderte lang herrschen wird.

Von der Spinnerei zu Werkzeugmaschinen

  • Nicolas schlumberger (1782-1867)

1808, also 250 Jahre nach seinem Vorfahren, beschließt Nicolas Schlumberger, sich in Guebwiller niederzulassen, um dort seine eigene Spinnerei zu gründen. 1812 tut sich Nicolas Schlumberger mit seinem Schwiegervater zusammen. Indem sich das Unternehmen auf die Herstellung feiner gesponnener Baumwollfäden spezialisiert, erlangt es sehr schnell eine dominierende Stellung auf einem Marktsegment, das den wiederholten Krisen von Textil- Überproduktion erfolgreich Widerstand leistet.

Als Mann der Moderne hat Nicolas Schlumberger eine große Bewunderung für England, wo er sich bereits 1807 als Lehrling in einer Spinnerei aufhielt. Es kehrt 1817 dorthin zurück, und seine Begeisterung für neue Techniken geht soweit, dass er Pläne von englischen Maschinen, die er in Frankreich bauen will, in seinem Mantelfutter eingenäht außer Landes bringt. Diese Schmuggelaktion, ja sogar Industriespionage, stellt den Beginn der Fertigung von Werkzeugmaschinen des Hauses Schlumberger dar.

Eine puritanische Moral

  • Manufacture Schlumberger à Guebwiller

Als kühner, aber erfolgreicher Unternehmer ist Nicolas Schlumberger ein Puritaner, der moralische Strenge und die großzügigsten sozialen Ideen vereint : die erste Idee ist die „Ablehnung der gesellschaftlichen Hierarchie“ ; jeder Puritaner muss für sein Schicksal verantwortlich sein. Die zweite ist „das heilige Amt des Berufes“, der als wichtigste Funktion des menschlichen Lebens eingestuft wird ; die dritte wird definiert als „die Askese der guten Geschäftsführung“, unter der die Hingabe an die Arbeit zu verstehen ist, das Akzeptieren der Spezialisierung und der Mobilität sowie das Streben nach Profit als konkretes Zeichen dafür, dass die Arbeit wirksam und für die Menschen nützlich ist ; sie schließt auch die Verwendung des Profits für Investitionen ein. Schließlich ist das vierte grundlegende Prinzip „die Transzendenz des Unternehmens“, die gute Geschäftsführung kann ihren sozialen Wert nur im steten Rahmen des Unternehmens erreichen. Von diesen Prinzipien durchdrungen, will Nicolas Schlumberger sie auch in seinem Unternehmen befolgt sehen, und Verstöße gegen die Regeln des Betriebs werden mit Geldstrafen geahndet, die dazu dienen, die sozialen Werke von Nicolas Schlumberger und Co zu finanzieren.

Gründer einer Versicherung auf Gegenseitigkeit

In einem Brief von 1841 definiert er den Ablauf folgendermaßen : „Es gibt für unsere Arbeiter eine Versicherung auf Gegenseitigkeit für Hilfe in Krankheitsfällen. Der Kranke bekommt ärztliche Behandlung umsonst und erhält außerdem die Hälfte seines normalen Lohns. Wir stellen in diesem Fall einen Teil der Geldbußen bei Verstößen gegen die Betriebsregeln zur Verfügung : die Beteiligung an dieser Kasse ist verpflichtend. Deren Verwalter werden von den Arbeitern gewählt ; wir greifen nur hinsichtlich der Eignung der Kassenwarte ein“.

Die Versicherung auf Gegenseitigkeit ist nicht der einzige Vorteil, den die Belegschaft genießt, die in Arbeitersiedlungen untergebracht ist und über eine Schule im Betrieb verfügt. Hinzu kommt, dass sie einer Verkaufsgenossenschaft angehört, die ihr Brot und die notwendigsten Produkte liefert : Kartoffeln, Schweineschmalz oder Stoffe.

Im puritanischen Geist Nicolas Schlumbergers ist kein Platz für kostenlose Sozialhilfe. So bescheiden der Beitrag des Arbeiters auch sein mag, so ist er doch notwendig, wenn er von den sozialen Vorteilen profitieren will. Der eher fortschrittlich als paternalistisch eingestellte Nicolas teilt seine Überzeugungen mit anderen Mitgliedern seiner Familie, wie Jean-Jacques Bourcart, von dem das Gesetz über die Kinderarbeitszeitbegrenzung eingebracht wurde.

Das Dilemma des Krieges von 1870

Als Nicolas Schlumberger 1867 stirbt, sind die Grundlagen des Familienbetriebes in Guebwiller solide gelegt. Der Betrieb wird von zwei seiner Söhne, Jean und Adolphe, geführt, als 1870 der Krieg, der das Elsass erschüttern wird, ausbricht.

1871 sehen sich die Schlumbergers in Guebwiller dem gleichen Dilemma ausgesetzt wie alle anderen elsässischen oder lothringischen Familien : soll man in einem deutsch gewordenen Gebiet bleiben oder es verlassen ? Soll man, wie einige Kollegen es beschlossen haben, seine Fabriken in den französischen Teil der Vogesen verlagern ? Diese Aussicht hat nichts Erfreuliches für die Schlumbergers und ihre Arbeiter, unter denen viele einen kleinen bäuerlichen Familienbetrieb haben. Daher beschließen sie trotz ihrer Ablehnung des deutschen Besatzers, dass Schlumberger und Co in Guebwiller bleibt.

Marguerite Schlumberger, eine engagierte Französin

Für Paul Schlumberger, Jeans Sohn, ist das Problem andersgeartet. Mit Marguerite de Witt, der Enkelin von Guizot, eines Ministers der Julimonarchie, verheiratet, hängt sein Herz an Frankreich, und er weiß, dass seine Söhne von einem Tag auf den anderen Guebwiller verlassen werden müssen. Mit fünfzehn Jahren sehen sich die jungen Elsässer nämlich vor eine unerbittliche Alternative gestellt : sich in die deutschen Militärlisten eintragen zu lassen oder ins Exil zu gehen. Die Wahl wird ganz ohne Zögern getroffen : die Söhne von Paul und Marguerite Schlumberger werden keine deutsche Uniform tragen. Während man die als sicher angesehenen Abreise erwartet, organisiert sich der passive Widerstand, und Marguerite Schlumberger-de Witt steht an dessen Spitze. Als sich 1873 der Kronprinz nach Guebwiller begibt, findet er geschlossene Fensterläden vor als Zeichen des Protests – eine Beleidigung. Marguerite Schlumberger-de Witt begnügt sich nicht damit, eine Frau der nationalen Bewegung zu sein. Sie gründet in Guebwiller zwei Wirtshäuser ohne Alkoholausschank, wo man Tassen mit Bouillon trinkt. Als Präsidentin eines Vereins für gefallene Mädchen wird sie eine der ersten Suffragetten in Frankreich und Leiterin der internationalen Liga für die Rechte der Frau.

Das macht deutlich, dass den Kindern Patriotismus und Eigenbestimmung mitgegeben werden. Einer nach dem anderen verlässt Guebwiller : Jean 1892, Conrad 1893, Daniel 1894 (er fiel 1915 auf dem Feld der Ehre), Marcel 1899 und schließlich Maurice 1901.

Ein Schriftsteller und zwei Wissenschaftler als Söhne

  • Conrad schlumberger (1878-1936)

Paul Schlumberger hat nicht vor, von seinen Einkünften zu leben. Von seiner Ankunft 1901 in Paris an nimmt er aktiv an der Leitung der neuen Gesellschaften, die seine Familie gegründet hat, teil, wobei er die Vorhaben seiner Kinder unterstützt.

Jean, der Älteste, profitiert als erster von der wohlwollenden Hilfe seines Vaters. Da dieser seine wissenschaftliche Berufung aufgeben musste, um in den Familienbetrieb einzutreten, will er sich nicht gegen die seiner Kinder stellen. Jean möchte schreiben, und das wird er auch. Als moralistischer Romancier schreibt er, nicht ohne Talent, Werke, die das Schicksal einer Familie oder einer Gruppe wie Saint Saturnin wiedergeben. Aber vor allem hat er einen Platz in der Geschichte des französischen Verlagswesens, weil er an der Seite von André Gide und Gaston Gallimard 1908 an der Gründung der Nouvelle Revue Francaise (NRF) und der des Verlags Gallimard beteiligt war.

Conrad und Marcel, die zwei Brüder Jean Schlumbergers, wählten einen ganz anderen Weg, den der wissenschaftlichen Forschung. Auch da hilft der Vater und wacht darüber, dass sie von den investierten Geldmitteln guten Gebrauch machen. 1919 hält er den Wortlaut des moralischen Vertrags, den er mit seinen Söhnen abgeschlossen hat, schriftlich fest ; „Ich verpflichte mich, meinen Söhnen Conrad und Marcel die notwendigen Geldmittel – bis zu 500.000 Franken – für ihre Forschungen bereitzustellen, damit sie durch elektrische Strömungen die Beschaffenheit des Untergrunds erforschen. Als Gegenleistung werden sich meine Söhne verpflichten, sich gezielt zu bemühen und von Forschungen oder Erfindungen auf anderen Gebieten abzusehen. Das Betätigungsfeld ist groß genug und sollte ausreichen, um ihre Erfindungsgabe zu erforschen, sie müssen sich dieser Aufgabe völlig widmen“.

Hier findet man die Idee der Spezialisierung, die den Schlumbergers wie allen Puritanern am Herzen liegt.

Die Entstehung der Bank Schlumberger

  • Maurice Schlumberger (1886-1977), banquier

Was Maurice betrifft, so organisiert er, nachdem er sein Studium in Janson de Sailly, dann an der Hochschule für Politikwissenschaften abgeschlossen hat, mit drei Kameraden seines Jahrgangs (André Istel, Camille Riboud, Louis Noyer) eine Studien- und Entdeckungsreise um die Welt. Mit André Istel und Louis Noyer gründet er 1919 die Gesellschaft Schlumberger, Istel, Noyer. Aus diesem Büro für Finanzstudien und kommerzielle Schlichtungen wird später eine Bank hervorgehen. Diese wird sich von den anderen Bankhäusern unterscheiden, da sie die neuen Techniken des Managements mit der Entwicklung von Finanzprodukten verbindet, die bis dahin in Frankreich unbekannt waren. Mit dem ‚Compte de Gestion ‚ und der ‚Société de gestion Mobilière‘ stellen Schlumberger und Co Mittel bereit zur kollektiven Geschäftsführung, die Vorläufer der heutigen Investmentgesellschaften (SICAV). Diese dynamische Entwicklung wird von der Mitbeteiligung ihrer Angestellten begleitet. Ab1920 erläutern die Teilhaber in einem Brief an einen ihrer Mitarbeiter : „Wir sind davon überzeugt, dass der Erfolg jedes beliebigen Unternehmens vor allem vom Wert derer abhängt, die dort mitarbeiten ; in allen Bereichen und Einzelheiten seiner Tätigkeit wollen wir also, dass jeder das gleiche Verlangen hat, das Maximum zu leisten, zu dem er fähig ist. Aber wenn jeder durch sein Bemühen zum Erfolg des Ganzen beiträgt, wünschen wir, dass alle von den Ergebnissen unseres Unternehmens profitieren. Wir haben daher die Absicht, am Ende jedes Jahres eine Gratifikation auszuteilen, die sowohl den Wert jedes Mitarbeiters als auch den vom Geschäft erzielten Gewinn berücksichtigen wird“.

Bevor die gaullistischen Idee der Beteiligung aufkommt, gehen die Teilhaber also über eine einfache Umverteilung der erzielten Ergebnisse hinaus.

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